Die Chance

Eine Erlebnisreise nach Toronto, voller Fakten und echter Vorbilder. Ein Kurzroman rund um Diversity, Innovation und Nachhaltigkeit im Technologie-Bereich.

Von Alex Ruby 

Christiana wachte schweißgebadet auf. Normal neigte sie nicht zu Alpträumen. Aber sie merkte unterschwellig die Anspannung, die sich langsam mit jedem erfolglosen Gang zum Briefkasten aufbaute. Yoga und eine erfrischende Dusche verscheuchten die Erinnerungen an Rom. Abgesehen von etwas Bargeld hatte sie damals alles Notwendige, vom Flugticket über Zugangs-Code für das Apartment bis hin zur Bezahlfunktion auf ihrem Handy gehabt. Was gut funktioniert hatte. Bis ihr das Handy geklaut wurde. Dann hatte die Odyssee begonnen. Das würde ihr nicht noch einmal passieren. Sie ging zum Briefkasten. War heute der Tag?

Endlich. Christiana legte den Rest der Post auf den Küchentisch und konzentrierte sich auf den einen Umschlag. Seit Tagen wartete sie darauf. Jeden Morgen in der Hoffnung, endlich mit der Planung anfangen und den Flug buchen zu können. Denn dank Dynamic Pricing mit immer ausgefeilteren Algorithmen konnten die Ticketpreise von einem auf den anderen Tag teure Kapriolen schlagen. Solche Unsicherheiten warfen sie zwar nicht aus der Bahn, machten aber die Strategin in ihr nervös. Sie erledigte gern alles, was gleich erledigt werden konnte, am besten immer sofort.

Momentan war der Direktflug von München nach Toronto noch vergleichsweise günstig, was ihrem Budget für die nächsten sechs Monate guttun würde. Doch das konnte sich schnell ändern. Teure Umbuchungs- oder Stornogebühren wären eine enorme Belastung. Sie wollte unbedingt diesen Direktflug. Nicht nur, weil es am bequemsten war, sondern weil ein Stop-over in einer anderen ausländischen Stadt wieder für Konflikte sorgen konnte. Obwohl sie in München geboren und aufgewachsen war, hatte Christiana keine deutsche Staatsbürgerschaft.

Sie war staatenlos. Ihre Eltern stammten aus Westafrika und waren damals als die Bomben und Gewehrkugeln ihre Heimat zerstörten gerade noch mit dem Leben davongekommen. In Deutschland hatten sie Asyl gefunden. Das war fast drei Jahrzehnte her. Doch die Dokumente, die ihre Eltern auf der Flucht mitgenommen hatten, reichten nicht, um Christianas Identität bei ihrer Geburt in der Granularität zu beweisen, die für die Ausstellung eines deutschen Passes gefordert wurde.

Daher hatte Christiana nur einen sogenannten Passersatz und später einen Reiseausweis für Ausländer erhalten. Zusätzlich hatte sie über die Plattform eines Startups ihre Identität digital verifizieren lassen. Dafür waren nur ein live in der Plattform über ihre Laptop-Kamera aufgenommenes Foto von ihr und ihrem Reiseausweis notwendig gewesen. Alle Daten wurden zur Absicherung in einer Blockchain gespeichert.

Nur sie hatte die Kontrolle darüber, welchen Firmen oder Institutionen sie mit ihrer digitalen Identität bewies, dass sie ein echter Mensch und kein Bot war. Niemand anderes. Wenn sie außerhalb von Europa unterwegs war, besorgte sie sich trotzdem ein Visum, um Schwierigkeiten bei der Einreise zu minimieren. Hielt sie das für Kanada nun endlich in den Händen?

Christiana öffnete den Umschlag des kanadischen Büros für Visaanträge. Als Staatenlose hatte sie extra nach Berlin fliegen und ihre biometrischen Daten vor Ort erfassen lassen müssen. Denn die digitale Transformation war noch nicht überall angekommen. Doch das war es ihr wert gewesen. Viele ihrer Freunde hatten nach der Schule oder dem Studium eine Auszeit genommen, um sich die Welt anzuschauen.

Sie selbst war noch nie länger als drei Wochen unterwegs gewesen. Umso mehr freute sie sich auf die sechs Monate in Toronto. Zeit genug, um neue Eindrücke zu gewinnen und sich über viele Dinge klarer zu werden. Sie liebte ihren Job und niemand im Team hatte Vorurteile ihr gegenüber. Die Entscheidung für ein Sabbatical war ihr daher auch nicht leichtgefallen. Zum Glück war ihr viel Verständnis entgegengebracht worden und das Versprechen, dass nach ihrer Rückkehr immer ein Platz für sie frei wäre.

Immerhin gab es einen großen Bezug zwischen der Branche ihres Arbeitgebers und ihrem Reiseziel. Das war beruhigend. Sie hatte sich in den letzten Jahren ein finanzielles Polster angespart, dass ihr auch nach den sechs Monaten noch etwas Sicherheit geben würde. Auch ihre Ehrenämter erfüllten sie mit echter Zufriedenheit. Dort konnte sie ebenfalls jederzeit wieder einsteigen. Aber irgendwo gab es eine ganz leise Stimme in ihr, die sagte, es gäbe noch mehr für sie zu tun.

Die Chance - ChristianaChristiana hatte lange überlegt, wohin sie gehen wollte, um dieser Stimme zu folgen. Sie liebte Teneriffa und besonders die Natur im Norden. Dort hatte sie ihren ersten Urlaub verbracht und ganz allein die Insel erkundet. Aber Europa war ihr nicht weit genug entfernt von zuhause. Außerdem wollte sie auf den Trubel einer Großstadt nicht verzichten.

New York, Chicago oder San Francisco, ja USA insgesamt, kamen für sie momentan überhaupt nicht in Frage. Auch wenn das Land und seine Natur viel zu bieten hatten. Asien hatte sie gereizt. Besonders die Bilder ihrer Freundin Barbara, die vor kurzem nach Singapur gegangen war, um in einem Inkubator ihr Startup zu gründen.

Den Ausschlag für Christianas Wahl hatten letztendlich zwei Aspekte gegeben: Toronto galt als Vorbild in Sachen Diversity und hatte sich seit Jahren einen Namen in der Filmbranche gemacht. Mit ihren vielen unterschiedlichen Vierteln würde die Stadt nicht langweilig werden, und Natur gab es rundherum genügend. Es hieß auch, dass die Stadt einen sehr europäischen Charakter hätte. Eine gute Mischung also. Erleichtert buchte sie den Flug und klebte das Visum in ihren Reiseausweis. Dann rief sie Monika an. Ihre Freundin zog während ihrer Abwesenheit in die Wohnung.

Der große Tag kam schneller als erwartet. War es nicht immer so? Es gab viel vorzubereiten und zu regeln. Am längsten hatte die Suche nach einem Apartment gedauert. Die Auswahl war groß, nur nicht in der Preisklasse, die ihr Budget hergab. Dank ihrer beharrlichen Suche hatte sie schließlich eins in recht zentraler Lage gefunden. Die Entscheidung, was sie alles mitnahm, war schnell getroffen. Sie war weder Schuhfetischistin noch Glitzerprinzessin.

Am meisten Spaß hatte ihr die Recherche über die Stadt gemacht. Mit jeder neuen Info wuchsen Neugier und Vorfreude. In den letzten Tagen hatte sie Unmengen von Pasta gekocht. Ein Abschiedsessen folgte auf das nächste: mit Arbeitskollegen, bei ihrer Kirchengemeinde, mit ihrem Spinning-Kurs aus dem Fitnessclub und mit ihrer Familie und den engsten Freunden. Am letzten Abend hatten Monika und das TEDxTUM Team eine Überraschungsparty für sie organisiert. Zur Abwechslung gab es Pizza.

Jetzt saß Christiana im Flugzeug und besänftigte ihre Nerven mit einem Gin Tonic. Wie ein Film ging ihr der Schreckmoment von eben immer wieder durch den Kopf. Nachdem sie ihre Koffer aufgegeben hatte, war sie nach draußen in den Biergarten gegangen. Noch etwas Sonne genießen vor dem achtstündigen Flug.
Sie zahlte und wollte gehen, als plötzlich ein älterer Mann am Tisch neben ihr fast leblos zusammensackte.

Geistesgegenwärtig stütze sie ihn, damit er nicht auf den Boden aufschlug. Eine Gruppe Männer am nächsten Tisch sprang ebenfalls auf und half, den Mann auf eine Bierbank zu legen, Füße nach oben. Sie sprach mit dem Mann, stellte Fragen, damit er das Bewusstsein nicht verlor. Sein Gesicht war kreidebleich und er reagierte nur langsam. Jemand rief den Notarzt. Der Schichtleiter des Flughafens kam und ließ sich den Vorfall schildern. Hatte er einen Schlaganfall? Einen Kreislaufkollaps? Es war schwer zu sagen. Christiana hatte die Uhr im Blick.

Die Zeit wurde knapp. Sie musste auch noch durch die Passkontrolle. Boarding begann in zehn Minuten. Aber sie wollte nicht gehen, bevor die Sanitäter da waren. Das erschien ihr nicht richtig. Langsam bekam der Mann wieder Farbe im Gesicht. Er lächelte sie an. „Ich bin ja ein Optimist, aber mit einer so hübschen und hilfsbereiten Frau wie Ihnen, sehe ich gerne einmal schwarz“, scherzte er verlegen. Endlich kam der Notarzt. Sie erzählte, was passiert war und verabschiedete sich. Länger konnte sie nicht warten. Ihr Flug würde es auch nicht. Im Terminal wurde ihr Name bereits zum zweiten Mal ausgerufen.

Langsam legte sich die innere Aufregung. Sie hatte alles getan, was möglich war. Bestimmt war es nur der Kreislauf gewesen und dem Mann ging es besser. Christiana stellte ihre Armbanduhr sechs Stunden zurück. Karma, dachte sie schmunzelnd. Dank ihrer atemlosen Erklärung, warum sie ihren Flug fast verpasst hätte, saß sie jetzt in der Business Class. Eine der Flugbegleiterinnen fand, sie hatte eine Belohnung verdient.

Christiana machte es sich in dem bequemen Sitz gemütlich. Reiseführer oder Roman? Für ihr erstes Wochenende in der Stadt hatte sie bereits einen Plan. Sie entschied sich für letzteres. Das Buch versprach, eine spannende Fallstudie zu Diversity im Technologiebereich zu sein. Der Titel war ihr ins Auge gestochen, da sie sich selbst gerade in einem Richtungswechsel befand. Seichte Schnulzen waren eh nicht so ihr Ding.

Kurz vor der Landung klappte sie das Buch zu. Stellenweise fassungslos war sie dem Weg der Hauptperson gefolgt. Seite um Seite, ab der Hälfte immer schneller – bis zum bitteren Ende. Die beschriebenen Situationen hatten mehr als einen Richtungswechsel verursacht. Wie viel Wahrheit in der Geschichte wohl lag? So eine Erfahrung wünschte man niemandem.

Die Chance - CN TowerSchon bei der Ankunft gewann Christiana den Eindruck, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Keine Warteschlangen an der Passkontrolle. Die Begrüßung des Beamten schon fast herzlich. Er freute sich, dass sie seine Stadt für ihren längeren Aufenthalt ausgewählt hatte. Beide Koffer kamen an, unbeschädigt. Bei Augenkontakt mit dem Flughafenpersonal sah niemand verlegen weg. Im Gegenteil, die Person rief ihr ein freundliches Hallo entgegen.

Am Taxistand vor dem Terminal standen die Menschen geduldig in der warmen Abendsonne. Der Frühling war endlich da, erzählte ihr Fahrer strahlend. Die Winter waren kälter als in München. Deswegen war sie erst im Mai geflogen. Auf der halbstündigen Fahrt in die Stadt – der Feierabendverkehr drängte sich auf der Gegenfahrbahn – sah man schon von weitem das Wahrzeichen im Abendrot leuchten.

Ihr Ein-Zimmer-Apartment lag ganz in der Nähe des CN Towers in einer Seitenstraße. Der Schlüssel lag in einer zahlenschlossgesicherten Box und machte den Check-in stressfrei. Beide großen Koffer passten problemlos in den Aufzug, der sie zum neunten Stock brachte. Die Wohnung war gut aufgeteilt und durch das große, deckenhohe Balkonfenster gegenüber dem Eingang überraschend hell. Rechts war eine Küchenzeile und ein hoher Tisch mit Barstühlen.

In der Mitte neben der Balkontür stand ein bequem aussehendes Sofa. Links stand das Bett, durch eine halbe Wand vom Wohnraum abgetrennt. Dadurch konnte ihr kein Bewohner von den gegenüberliegenden Gebäuden beim Schlafen zusehen. Nur beim Kochen und das auch nur mit Fernglas. Außer sie zog die Vorhänge zu. Das Bad war nicht riesig, aber groß genug.

Selbst Waschmaschine und Trockner waren vorhanden. Hier würde sie sich wohlfühlen. Auspacken konnte sie morgen. Sie schickte schnell ein paar Nachrichten an ihre Familie und engsten Freunde, dass sie gut angekommen war. Viele Smileys und Herzen kamen zurück. Monika freute sich für sie und schrieb, dass sie sich auch gut eingelebt hatte.

Christianas Beine flehten nach dem langen Flug geradezu nach Bewegung. Bevor die Geschäfte zumachten, wollte sie noch schnell ein paar Kleinigkeiten zum Frühstücken besorgen. Fünf Minuten später bog sie in die King Street ab. Gemütliche Bars und einladende Restaurants wechselten sich ab mit kleinen Geschäften, Läden und Coffee-Shops. Keine Hochhäuser warfen hier Schatten.

Die Fassaden aus Backstein oder Holz erinnerten sie teilweise eher an eine englische Kleinstadt. Ein paar Blocks weiter fand sie eine Mischung aus Drogerie und Supermarkt. Die Kassiererin war ganz angetan von ihrer mitgebrachten Stofftasche und wünschte ihr einen schönen Abend. Das war er auch, dachte Christiana, als sie müde und zufrieden ins Bett schlüpfte.

Die Chance - DavidDie Aufzugtür stand offen.

„Guten Morgen! Ich habe deine Tür gehört und gedacht, ich warte auf dich“, lachte sie ein junger farbiger Mann mit Baritonstimme an.

Wie oft war ihr so etwas in Deutschland passiert? Seine langen, schwarzen Braids hatte er zu einem Dutt oben am Kopf aufgetürmt, so dass er fast zwei Köpfe größer als sie wirkte. Die Enden seiner Zöpfe wippten vorwitzig bei jedem Wort.

David, wie er sich vorstellte, war erst seit kurzem in der Stadt und auf dem Weg ins Fitness-Studio. Zu dem er hin joggte! Am liebsten ging er morgens, bevor es im Studio voll wurde. Es gab auch eine Spinning-Session dort, bestätigte er ihr.

„Komm doch einfach mit“, sagte er spontan. „Na los, gib dir einen Ruck.“

Aber Christiana hatte schon eine Vorstellung, wie sie ihren ersten Tag verbringen wollte und ein bekannter Markt in einem Backsteingebäude stand ganz oben auf der Liste.

„Dann sehen wir uns eben zum Lunch im St. Lawrence Market. Auch gut“, lachte er.

Sie schaute ihn verdutzt an. Woher wusste er das? Doch David hatte schon seine Kopfhörer aufgesetzt und rannte los.

Gleich um die Ecke bei ihr hinter dem überschaubaren Park sah sie ein kleines Café. Die Besitzerin goss gerade die Blumen draußen an der Treppe. „Was für ein wunderschöner Tag“, strahlte sie. Mehr Einladung brauchte Christiana nicht, um sich hier ihren Bambus-Kaffeebecher mit Cappuccino füllen zu lassen. Sie liebte kleine Lokale, bei denen mit Herz gekocht und gearbeitet wurde. Dass das auch für dieses galt, schmeckte man sofort beim ersten Biss in den saftigen Kuchen.

An der King Street angekommen bog sie Richtung Osten ab. Samstag schien der Fitness-Studio-Tag in Toronto zu sein. Von den wenigen Menschen auf der Straße trugen fast alle Sportkleidung. Ein paar Meter weiter, zwischen Bürgersteig und Schienen, auf denen alle paar Minuten eine rot-weiße Straßenbahn leise vorbeiglitt, luden Holzsessel in erfrischenden Farben zu einer kleinen Pause ein. Doch der Kaffee und ihr Plan, möglichst viel zu sehen, ließen sie weitergehen.

Als nächstes fiel ihr ein Laden auf, der irgendetwas mit Essen zu tun hatte. Dafür war es zu früh. Aber ihre Neugier war geweckt und sie machte ein Foto als Gedächtnisstütze. Nach der nächsten Kreuzung reihte sich ein Restaurant an das nächste. Kreative Namen wechselten sich mit witzigen Hausfassaden ab. Ein gewisser Fred war offensichtlich nicht hier. Dachterrassen luden zum Genießen in etwas luftigeren Höhen ein.

Die Chance - Tribute to black female singersMit jedem Schritt wuchsen im Hintergrund die spiegelnden Glaswände von Hochhäusern heraus. Auf die kulinarische Meile folgte eine Kunstinstallation, die schwarzen Frauen der Popkultur Tribut zollte. Verschwommene Fotos von Sängerinnen wie Nina Simone oder Josephine Backer wollten verdeutlichen, wie deren Errungenschaften zu verblassen drohten. Ganz im Gegensatz zu denen weißer, oft männlicher Künstler, die nicht selten von ihren erfolgreichen schwarzen Kolleginnen inspiriert worden waren. Christiana ließ sich vom Charisma der porträtierten Heldinnen einfangen.

Die Melodie von „Feeling Good“ schwang sanft in ihrem Kopf und kam als leises Summen über ihre Lippen. Am liebsten hätte sie laut gesungen. Bei dem Gedanken an ihre Freundinnen, mit denen sie oft auf Hochzeiten gesungen hatte, ging sie beschwingt weiter. Nur um kurz darauf wieder abrupt anzuhalten. Vor ihr im Gehweg begann der kanadische Walk of Fame.

Die Sterne, vielmehr Ahornblätter in Sternform, waren einflussreichen Personen – entweder Einheimischen oder seit längerem in Kanada lebenden – aus Film, Musik, Kultur oder Sport gewidmet. Viele der Namen kannte sie, hätte aber nicht alle mit dem Land in Verbindung gebracht.

Shania Twain, Céline Dion oder Bryan Adams waren klar. Michael J. Fox, Kim Cattrall, Kiefer Sutherland und sein Vater, Corey Hart, Nelly Furtado oder Sarah McLachlan nicht unbedingt. Pamela Anderson? Die Baywatch-Nixe? Die war nicht aus Kalifornien?

Es war windiger geworden. Trotz der Sonne auch kühler. Vor ihr lag eine schattige Schlucht, gebildet von den Hochhäusern der Finanzbranche. Im krassen Kontrast zu den blankpolierten, blumenumrahmten Bronzestatuen vor einem Eingang sah sie an der Ampel jemand Obdachloses auf dem Gehweg liegen. Vielmehr über dem Luftschacht der U-Bahn, dessen aufsteigende Wärme sicher ausschlaggebend für die Wahl des Platzes war.

Die Chance - Kurzroman Toronto - KüheChristiana konnte nicht erkennen, ob es eine Frau oder ein Mann war. Der gesamte Körper war fest unter einer Decke versteckt. Es war, als könnte sie die Scham der Person direkt spüren. Sie warf einige Münzen in die Pappschachtel. Nachdenklich ging sie weiter. Wie um ihre besorgten Gedanken zu vertreiben, schien ihr auf einmal die Sonne direkt ins Gesicht. Zwischen den Häusertürmen tat sich ein Durchgang auf. Dahinter sah sie eine grüne Wiese. Irgendetwas lag darauf.

Sie ging näher. Es war eine Herde bronzener Kühe. Ein Stück weiter zurück Richtung King Street führte eine Treppe nach unten. Jedoch nicht zu einer U-Bahn-Station. „Path“ leuchtete in bunten Buchstaben an einem Pfosten. Ein unterirdisches Tunnelnetz im Zentrum der Stadt, das Fußgänger vor allem in der kalten Jahreszeit auf über 30 Kilometer vor Wind und Wetter schützte. Der erste Spatenstich dafür hatte im Jahr 1900 stattgefunden.

Die Chance - Kurzroman Toronto - The PathDie Farbe der einzelnen Buchstaben stand jeweils für eine Himmelsrichtung. Laut dem Guinness Buch für Weltrekorde gab es derzeit kein größeres System unterirdischer Gänge. Doch der Tag war zu schön, um abzutauchen. Schnell ging sie weiter.

Das Finanzviertel stand heute nicht auf ihrer Liste bevorzugter Orte. Außerdem meldete sich langsam der Hunger. Sie bog in eine Seitenstraße ab. Vor ihr lag eine Baustelle. Nicht ganz sicher, ob sie richtig war, sprach Christiana eine junge Frau an.

„Entschuldige. Bin ich hier richtig? Ich möchte zum St. Lawrence Market.“

Die Frau strahlte sie an. „Hey cool! Ja, es ist nicht weit. Einfach da vorne links, dann geradeaus und an der nächsten Kreuzung rechts. Du siehst ihn sofort.“ Hilfsbereitschaft stand bei Torontonians anscheinend sehr hoch im Kurs.

In dem Backsteingebäude wuselte es. Stände mit frischem Obst und Gemüse reihten sich an lange Fleischtheken. Käse und Gewürze wechselten sich ab mit duftendem Brot oder rohem Fisch auf Eis. Appetitanregende Gerüche von frisch Gegartem reizten ihre Sinne von allen Seiten. Obwohl die Gänge voller Menschen waren, herrschte kein Gedränge vor den Geschäftsständen. Paare mit Kinderwagen wurden respektvoll durchgelassen. Viele schienen regelmäßig herzukommen und beim Händler ihres Vertrauens einzukaufen.

Die Preise waren auch nicht teurer als im Supermarkt von letztem Abend. Nachdem sie zum zweiten Mal eine Runde gedreht hatte, wusste sie immer noch nicht, was sie essen wollte. Worauf hatte sie nur Lust? Einen Burrito? Salat? Schweinelende in Maismehl? Letzteres wurde als lokale Spezialität angepriesen.
„Hey Sonnenschein“, rief plötzlich eine bekannt klingende Stimme. „Willkommen im Foodie-Himmel – oder auch Hölle der Entscheidungen. Je nachdem, wie man es nimmt.“

Ihre Aufzugbekanntschaft von heute Morgen stand lachend hinter ihr. „Komm, ich geb dir ein paar Austern aus. Danach ziehen wir uns ein Crab Cake rein.“

Manchmal war es gut, wenn ein anderer die Entscheidung traf. Ungläubig stand sie vor der Tafel neben der Fischtheke. Es gab unzählige Sorten von Austern. Jede mit einem mehr oder weniger appetitanregenden Namen. Die meisten stammten von der Ostküste, erklärte der Verkäufer. Aber sie hatten auch einige von der Westküste. Ganz besonders große Austern gehörten zur Gattung der Gigas.

Aus reiner Neugier wählte sie aufgrund der Namen je eine Raspberry Point, Fiddler’s Cove und Mystic. David entschied sich für eine Macintosh und zwei Gigas: eine Beach Angels und eine Fat Bastard. Eine Wahl, die der Verkäufer augenzwinkernd guthieß. Christiana lachte herzhaft.
Sie erfuhr, dass David vor zwei Wochen von Berlin in die Stadt gekommen war und an einer neuen Geschäftsidee arbeitete. Er bezeichnete sich als jemand, der alles „hacken“ konnte – im positiven Sinn.

„Dann bist du ein Ethical Hacker?“, fragte Christiana, nachdem sie die erste Auster geschlürft hatte.

„Nicht wirklich. Ich bin Ingenieur und am liebsten baue ich Sachen.“ Wichtig war ihm, die sozialen Auswirkungen seiner Arbeit zu berücksichtigen. Der Inkubator an der größten Universität der Stadt hatte ein neues Programm aufgelegt – speziell für schwarze Gründer. Dort war er angenommen worden.

In den nächsten Monaten würde er Unmengen von Code schreiben, Bauteile auf Boards verlöten und einen lernfähigen Transportroboter bis hin zur Kleinserienreife entwickeln. Irgendwie war er noch nicht ganz zufrieden mit dem ersten Entwurf des geplanten Endprodukts. Es gab einen vielversprechend großen Markt dafür, nicht nur rein rechnerisch auf dem Papier. Endkunden wurden immer bequemer beim Einkaufen.

Potenzielle Firmenkunden hatten einen großen Bedarf in persönlich geführten Interviews bestätigt. Sonst wäre er im Inkubator für das sogenannte Sandbox-Programm – für Gründer, die noch ziemlich am Anfang standen – nicht genommen worden. Doch sein Bauchgefühl sandte schwammige Signale, ob so ein Transportroboter wirklich das Richtige für ihn war.

„Oder der fette Bastard und die Strandengel vertragen sich nicht“, scherzte sie. „Aber mal ernsthaft. Ich bin mir sicher, dass deine Lösung zur richtigen Zeit kommt. Die Leute bestellen immer mehr im Internet und die Paketlieferanten können das schon fast nicht mehr bewältigen. Allerdings ist die Vorstellung, dass neben mir auf den Bürgersteigen oder im Treppenhaus vierbeinige Roboter rumlaufen, schon komisch. Wie seid ihr denn auf DEN Hund gekommen?“, wollte Christiana wissen.

David lachte. „Es gibt ja schon ein paar Ideen. Viele haben Räder und funktionieren nur auf geraden Wegen. Pilotprojekte werden zum Beispiel in Houston, Phoenix oder San Francisco gefahren. In Ann Arbor gibt es seit kurzem ein weiteres mit einer Art Dreirad. Eine Lösung auf Beinen stammt von einer Firma, für die ich nicht arbeiten möchte. Die sind mir zu creepy. Bei einer anderen mit ähnlichem Design könnte ich vielleicht reinkommen. Nur hoffentlich nicht als Quoten-Schwarzer.“ David verzog das Gesicht.

„Wenn ich ehrlich bin, will ich lieber etwas Eigenes mit Gleichgesinnten aufziehen.“

Der Tag, an dem fahrerlose Fahrzeuge standardmäßig Pakete und Pizza ausfuhren, würde in einigen Teilen der Welt nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. In Logistiklösungen war viel Musik drin. Die Länder mit dem größten Anteil am Onlinehandel waren China, USA, Großbritannien und Japan – mit jährlichen Wachstumsraten von 10 bis 25 Prozent. Deutschland war mit etwa fünf Prozent moderater, doch allein dort rechnete man bis 2022 mit insgesamt 4,3 Milliarden Sendungen pro Jahr.

Die Paketdienste waren heute schon überlastet und Personal schwer zu finden. Kein Wunder. Die großen Handelsplattformen hatten mit ihrer Marktmacht den Logistikdienstleistern extrem niedrige Preise aufgedrückt. Genau das beschäftigte David. Höchstwahrscheinlich würden Lösungen wie seine die bereits großen Firmen noch größer machen. Aber ihn reizte die technische Herausforderung. Denn im Gegensatz zu den Bedingungen, die bei der Sicherheit von selbstfahrenden Autos auf der Straße eine Rolle spielten, gab es bei autonomen Lösungen auf der letzten Meile noch mehr Details zu berücksichtigen.

Die Roboter mussten sich mit den größeren Lieferfahrzeugen, die die Pakete von den Logistikzentren in die einzelnen Stadtbezirke brachten, verständigen können. War das gelöst, kam die nächste Hürde: die sichere Auslieferung zum Kunden. Jeder Hauseingang war anders. Innen gab es entweder Treppen oder einen Aufzug, der bedient werden wollte. Hinterhöfe konnten verzwickt sein. Passanten galt es auszuweichen. Unfälle mit ihnen waren ein großes Risiko und entscheidend für die Akzeptanz der Lösung.

„Da wird dir sicher nicht langweilig“, nickte Christiana.

„Langeweile? Noch nie davon gehört“, zwinkerte David. „Aber genug von mir. Was treibt dich nach Toronto?“

Während sie zum nächsten Fischstand schlenderten, erzählte sie von ihrem Sabbatical und dass sie sich über ein paar Dinge klarwerden wollte. Nicht ihre ganze Lebensgeschichte. Dafür kannten sie sich zu wenig. Sie war auch nicht auf einen Flirt aus. Er zum Glück ebenfalls nicht, wie es schien. Nach dem letzten Bissen Crab Cake verabschiedete er sich.

„Komm doch mal auf einen Cappuccino im Büro vorbei“, lud David sie ein. „Oder melde dich, wenn du die Stadt unsicher machen willst. Ich kenn da schon ein paar nette Leute und Locations.“

Warum nicht? Neue Freunde eröffneten neue Blickwinkel.

Welche Überraschungen hält Toronto für sie bereit? Wer ist Marie? Und welche Chance wartet auf Christiana?

Die Chance – komplett lesen

UNTER DEN ROLE MODELS SIND:

CHRISTIANA BUKALODAVID ASABINAMARIE HELOU-TWAFIK

AUS DER CAPSCOVIL STORYTELLING KÜCHE

Inspiriert von

Die Chance ist ein unabhängig geschriebener Kurzroman. Die Entscheidungen, welche Personen und Themen darin vorkommen, wurden alleine vom Verlag und der Autorin getroffen. Keine dritte Partei hat dafür bezahlt.
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2020-07-21T06:55:35+00:00