Aufs Spiel gesetzt

Ein Kurzroman zu künstlicher Intelligenz, Stimmungserkennung und Diversity. Gespickt mit Fakten und echten Vorbildern.

Autorin: Alice N. York

Aufs Spiel gesetzt - The Strip - Kurzgeschichte - Short Story - Project Cascabella - Running Choke

Es war eine Kooperation mit der Polizei gewesen. Natürlich war sein System nur parallel im Hintergrund zum herkömmlichen Notrufsystem gelaufen. Als ein Hilferuf bei den Beamten einging, wurde dieser gleichzeitig vom System analysiert und bearbeitet. Ein Mann und sein kleiner Sohn waren nach einem Unfall in ihrem Auto eingeschlossen.

Rauch qualmte aus der Motorhaube. Es roch nach verbranntem Plastik. Der Junge schrie im Hintergrund vor Angst. Beide konnten gerettet werden, allerdings mit schweren Verbrennungen. Das hätte verhindert werden können. Nicht von dem menschlich gesteuerten System, das perfekt nach Vorgabe agiert hatte, sondern von Benedikts computergestütztem System.

Wenn es präzise funktioniert hätte, wären die beiden schneller gerettet worden. Denn wozu sonst wäre es gut, einen Teil der menschlichen Arbeit von Maschinen erledigen zu lassen?

Bei zwei entscheidenden Dingen hatte das System versagt. Das eine war die Erkennung der Verfassung, in der sich der Mann im Auto befand. Anhand von Lautstärke, Betonung, Rhythmus, Stimmlage und Antwortstruktur hätte das System die Brisanz ermitteln müssen. Erschwerend war hinzugekommen, dass der Mann Autist war und wortkarger reagierte als erwartet. Das andere waren die zu ergreifenden Maßnahmen.

Es wäre zwingend notwendig gewesen, bei Eingang des kurz darauf folgenden zweiten Notrufs, der dem Feuer in einem Ingenieurbüro galt, die örtlichen Rettungsmannschaften entsprechend ihrer Fähigkeiten auf die Unfallstellen aufzuteilen. In dem Team, das den Brand im Ingenieurbüro bekämpfte, war eine junge Frau, die den Rekord im Aufspreizen von Autotüren hielt. Sie wäre in der Lage gewesen, dem anderen Rettungsteam und damit dem Mann und seinem Jungen wertvolle Sekunden zu verschaffen.

Die Idee zu seinem System hatte Benedikt, als er von jemandem las, der Twitter-Nachrichten daraufhin untersucht hatte, ob frisch getrennte Paare nach erhöhtem Alkoholkonsum versöhnlicher gestimmt waren. Er aber wollte über die Stimmungsanalyse etwas Sinnvolleres schaffen. Daher war sein System zur Unterstützung der Notrufleitstelle bei Katastrophen wie Großbränden, Unwetter und Erdbeben oder Terroranschlägen gedacht, um nicht nur schneller und effektiver reagieren zu können, sondern auch Massenpaniken wie bei großen Festivals nicht erst entstehen zu lassen.

Die größte Suchmaschine Chinas wertete bereits Nutzerdaten aus, um Massenpaniken vorherzusagen. Von den 657 Millionen registrierten Personen nutzten 302 Millionen den Kartendienst, woraus entsprechende Bewegungsmuster abgeleitet wurden. Nach dem missglückten Live-Test war Benedikt in ein ziemlich tiefes Loch gefallen. Er war normal kein Kind von Traurigkeit und auch Herausforderungen konnten ihn nicht so leicht aus dem Konzept bringen. Doch sein aussichtsreichster Investor war sofort abgesprungen, sein Angel-Investor ein paar Wochen später. Das war es dann mit dem erhofften Funding.

Letzte Reserven

Es war schwer abzusehen, wann das System so weit entwickelt war, dass er einen neuen Live-Test versuchen konnte. Dafür gab es verschiedene Gründe. Die Programmierung der Algorithmen für die Sentiment-Analyse gestaltete sich schwieriger als gehofft, denn die Auswertung der Kriterien, die die Stimmung eines Anrufers beeinflussten, war extrem komplex.

Sein führender Entwickler hatte sich von einem anderen Startup, das mit seinem Predictive Maintenance Tool angeblich gerade den vielbeschworenen Hockeystick hochkatapultiert wurde, abwerben lassen. Und er suchte immer noch nach einem System, um die enorme Menge an Wissen strukturiert bereit zu stellen, damit im Notfall schnell darauf zugegriffen werden konnte.

Die Fähigkeiten und Erfahrungen aller Rettungskräfte waren über viele Dokumente und Einsatzberichte verstreut. Das aktuelle Spracherkennungssystem setzte auf das Open-Source-Programm eines IT-Konzerns, der eine cloudbasierte Variante anbot. Diese hatte sich problemlos in den Entwicklungsprozess mit den ebenfalls in der Cloud liegenden Datenspeichern integrieren lassen. Allerdings fehlten ihm jede Menge Stimmmuster zur Auswertung.

Seine Ausgangslage war mehr als prekär. Er brauchte Geld. Dringend. Er hatte alle abgeklappert, die er kannte. Familie, Freunde, Freunde von Freunden. Jeden in der Startup-Szene, der ihm eventuell Zugang zu weiteren Geldgebern verschaffen konnte. Doch vergeblich. Seine Idee wurde zwar hoch gelobt, war jedoch nicht kurzfristig skalierbar und dafür gab es gerade kein Geld. Alle waren in Goldgräberstimmung und wollten das nächste Unicorn finden, um schnell Kasse zu machen.

Dabei hätte sein System tatsächlich das Zeug dazu. Sein letzter Strohhalm war eine Studienkollegin, die nach dem Besuch des Burning Man Festivals in der neuen Steueroase Nevada hängen geblieben war und die ihm dort ein paar Türen öffnen wollte. Maxine, von allen nur Max genannt, arbeitete für eines der schillernden Startups in Las Vegas, die sich intensiv mit maschinellem Lernen und natürlicher Spracherkennung beschäftigten, um Autos das selbständige Fahren beizubringen. Benedikt hatte seine letzten Reserven zusammengekratzt und mit den verbliebenen Meilen seiner Frequent Traveller Card einen Flug nach Sin City gebucht.

Schon beim Abflug in München schien ihm die Glücksfee den Rücken zuzukehren. Sein Flug war ersatzlos gestrichen worden. Alle Passagiere der ausgebuchten Maschine wurden an vollkommen überlasteten Schaltern auf andere Flüge verteilt. Nachdem er einen Tag später in Las Vegas gelandet war, musste er feststellen, dass es sein Koffer nicht geschafft hatte. Wenigstens hatte er in seinem Handgepäck neben Laptop und Ladekabeln ein Notfall-Set. The Strip Short StoryEs gab Schlimmeres, dachte er und ließ sich von der guten Laune eines deutschen Paars, das neben ihm Vorfreude auf die glitzernde Stadt der Spieltische versprühte, anstecken.

Als er aus dem Flughafen ins Freie ging, schlug ihm die trockene Mittagshitze entgegen. Doch die unzählig sprießenden Schweißtropfen verdampften sofort wieder im eisigen Gebläse des Shuttle-Busses und ließen eine dünne Salzschicht zurück. Das gleiche Wechselbad ereignete sich bei seiner Ankunft im Hotel. Erschöpft und fröstelnd ließ er sich im Zimmer auf das Bett fallen.

Wenigstens ein Traum war wahr geworden, als er die überdimensionale Gitarre gesehen hatte und auf dem Weg zum Aufzug an Glasvitrinen mit unzähligen Exponaten seiner persönlichen Helden vorbeigegangen war. Denn Benedikt war nicht nur Firmengründer und IT-Spezialist, er war auch leidenschaftlicher Gitarrist einer Rockband.

Das vereinbarte Treffen mit Max war ins Wasser gefallen. Max musste kurzfristig ihren Chef zum Hauptinvestor der Firma nach China begleiten. Die Finanzierung des neuen Entwicklungs- und Produktionsgebäudes, dessen Spatenstich im Norden von Las Vegas erst kürzlich erfolgt war, stand auf der Kippe. Es ging um Millionen staatlicher Subventionen, die es zu sichern galt und mit denen man sich im als Gegenspieler zu Tesla positionieren wollte. Max hatte aber versprochen, einige ihrer Kontakte anzurufen, ob sie auch ohne ihre Anwesenheit zu einem Treffen bereit wären. Benedikt versuchte, etwas zu schlafen. Er erwartete nicht, dass sich innerhalb der nächsten Stunde viel tun würde.

Plötzlich schreckte er hoch. Er konnte nicht sagen, was ihn geweckt hatte. Außer dem leisen Summen der Klimaanlage war nichts zu hören. Durch die dicken Thermofenster drang kein Laut der fünf Stockwerke unter ihm vorbeifahrenden Autos hoch. Er fühlte sich immer noch wie gerädert. Die Nachricht auf seinem Handy half nicht, um seine Stimmung zu heben.

War der Besuch in Las Vegas wirklich die letzte Rettung?

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Aufs Spiel gesetzt ist ein unabhängig geschriebener Kurzroman. Die Entscheidungen, welche Personen und Themen darin vorkommen, wurden alleine vom Verlag und der Autorin getroffen. Keine dritte Partei hat dafür bezahlt.
2022-06-10T23:05:10+00:00

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