Der Code

Ein Kurzroman zu Future Mobility, Robotic und Diversity im Technologie-Bereich. Inspiriert von Fakten und echten Vorbildern.

Autorin: Alice N. York

Sie erstarrte vor Schreck. “Oh mein Gott”, entfuhr es ihr. Mariana drehte sich erstaunt zu Reshma um, als sie den Horror in ihrer Stimme hörte. Reshma machte sofort kehrt und rannte zurück. Sie hatte fünf Minuten, bevor die Transportkapsel, der sogenannte Pod, losfuhr. Um nichts in der Welt wollte sie diese Jungfernfahrt vermissen.

Reshma SohoniEs musste noch im Café liegen. Sie war vor ein paar Stunden aus Gurgaon, Delhi, angekommen. Dort hatte sie sich mit Rahul getroffen, dem Technikvorstand einer Firma, die gut 500 Startup Zentren in ganz Indien verteilt ins Leben riefen und miteinander verbanden. Jetzt wollten sie das Netzwerk weltweit ausbauen, um Gründer und Innovation global zu unterstützen. Deshalb arbeitete Rahul mit lokalen Teams am Aufbau ihrer Europäischen Headquarter, eines davon in Großbritannien.  Parallel dazu traf er sich mit den Leitern anderen Acceleratoren und Inkubatoren, um mögliche Partnerschaften zu besprechen. Reshma’s Firma, die Gründer in frühen Phasen unterstützte, war natürlich ein interessanter Verbündeter, besonders da einige ihrer Startups schon für den Schritt nach Indien und Asien bereit waren. Sie hatte mit Rahul die Zusammenarbeit ausgelotet. Die Reise, wie jede Reise nach Indien, hatte ein Feuerwerk an geliebten Kindheitserinnerungen in ihr entzündet. Ihre Eltern hatten ihre Heimat verlassen, als sie ein Teenager war und die Traditionen der ehemaligen Britischen Kolonie gegen den amerikanischen Lebensstil eingetauscht.

Zurück nach der Landung in München war sie auf dem Weg vom Gepäckband zur Hyperloop-Station einem alten Freund begegnet, den sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Da Andy vor seinem Weiterflug eine Stunde Zeit blieb, hatten sie sich ein kleines Café gesucht und dort bei einem großen Latte die letzten Neuigkeiten ausgetauscht. Es war immer noch früh am Morgen gewesen und sie hatte auf dem Nachtflug nicht viel geschlafen. Da war der Wachmacher genau richtig gekommen, auch wenn Andy meinte, sie sähe so jung wie immer aus. Er arbeitete seit einiger Zeit für einen Roboterhersteller, dessen aktuelles Model es ihm besonders angetan hatte. Details waren streng geheim. Andy sah mit Jeans und Pulli genauso aus wie immer, nur etwas grauer an den Schläfen.

„Wir stehen kurz vor einer echten Revolution“, hatte er gesagt. „Bald wird es nichts mehr geben, was ein Roboter verglichen mit uns nicht kann. Wir werden ihnen Menschenrechte geben müssen.“ Etwas in seinen Worten jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie hatte sich gefragt, ob er sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit wirklich so verändert hatte und jetzt mehr für Roboter als für Menschen empfand. Doch er war seit über 30 Jahren ein guter Freund. Sie war einfach nur übermüdet gewesen und er begeistert von seiner neuen Arbeit.

Außer Atem erreichte sie das Café. Ihr Laptop war noch da. Es lag vergraben unter einem Haufen von Tagezeitungen, die Andy dort hingeworfen hatte. Reshma schnappte sich den PC und stürmte zurück. Die Gedanken in ihrem Kopf rasten. Wie hatte sie ihn nur vergessen können? Sie war eben auch nur ein Mensch. Doch die Informationen auf dem Gerät waren Gold wert und daher nach aktuellsten Standards verschlüsselt. Trotzdem. War es möglich, dass sich jemand Zugriff verschafft hatte? Sie musste das dringend von ihrem Team überprüfen lassen. Zurück an der Hyperloop-Station rannte sie durch die offene Röhrenschleuse und stieg in die Transportkapsel, wo sie sich erschöpft und gleichzeitig vollkommen wach in einen der sechs Sitze fallen ließ.

„Ist die Fahrt noch nicht genug Nervenkitzel?”, lachte Mariana. “Schnall dich an, es geht gleich los.“

Reshma schickte noch schnell eine Nachricht an ihr Forensik-Team. Ihre ganze Kommunikation wurde seit einiger Zeit über den Service eines Schweizer Startups verschlüsselt. Dort hatte man eine spezielle Netzwerkarchitektur entwickelt, in der Kundendaten nur für deren Kommunikation untereinander genutzt, nicht aber beim Startup gespeichert wurden. So konnten sie von Hackern nicht kompromittiert werden. Zum Vergnügen der Entwickler war ihre Verschlüsselung über AES mit 256 Bit-Schlüssel und ZRTP-Protokoll während der Übertragung so sicher, dass selbst die NSA sich daran die Zähne ausbiss. Reshmas geschäftliche Kommunikation war nicht nur ausschlaggebend für ihren eigenen, sondern auch für den Erfolg ihrer Klienten. Nicht selten fühlte sie sich wie das Mitglied eines Geheimdienstes.

Die Luke des Pods schloss sich mit einem gedämpften Klicken. Danach sahen sie, wie die Tür der Röhre verriegelt wurde. Ein leises Summen ertönte, während die Luft aus der Röhre gesaugt wurde. Eine Anzeige vorne im Pod zeigte die verbleibenden Sekunden bis zum Start. Alle hielten die Luft an. Der Start war weniger ruppig, als sie erwartet hatte. Sie genoss die Beschleunigung, die sie in ihren Sitz drückte. Mariana AvezumAuch auf Marianas Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. Das Einklappen der Räder war kaum zu spüren, als der Pod Schallgeschwindigkeit erreichte. Drei ihrer Mitreisenden klatschten, obwohl es keinen Piloten gab, dem man Tribut zollen konnte.

Der Pod schoss völlig selbständig und schneller als das gesprochene Wort im annähernden Vakuum auf der von der Röhre vorgegebenen Route. Die notwendige Energie, um die gut 2.000 Kilometer lange Strecke in unter zwei Stunden zurückzulegen, kam von Solarzellen, die außen im Freien auf der Röhre montiert waren. Da kein Stopp zwischen München und Lissabon vorgesehen war, gab es Wasser, extra Luft, eine Toilette und ein Erste-Hilfe-Set an Bord. Im Notfall würde die Transportkapsel bei einer der Wartungsöffnungen zum Stillstand gebracht werden. Per Satellitenverbindung wurde sichergestellt, dass immer eine Kommunikation zum Kontrollzentrum bestand. Ein Teil der verfügbaren Bandbreite konnte von den Passagieren für ihre Emails genutzt werden. So würde Reshmas Team den Inhalt ihres Laptops unter die Lupe nehmen.

Als die Sicherheitsindikatoren ausgeschaltet worden waren und man sich frei bewegen konnte, drehten Reshma und Marina ihre Sitze zueinander und klappten den Tisch dazwischen auf, um zu arbeiten. Nach der erfolgreichen Inbetriebnahme dieser Strecke wollten sie in ganz Europa Hyperloop-Linien bauen.

Die Gründe, warum gerade München und Lissabon zuerst verbunden wurden, waren einfach. München lag zentral in Europa und bot sich als idealer Knotenpunkt an, da hier viele Konzerne aber auch junge und innovative Firmen ansässig waren.

Lissabon

Lissabon hatte sich nach der beherzten Entscheidung der portugiesischen Regierung, private Investments in Gründungen mit einem 200 Millionen Euro schweren öffentlichen Fond zu unterstützen, zum quirligen Startup-Zentrum Europas und inspirierenden Gegenpol zu Kalifornien entwickelt. Die Verbindung zu den Brexit-geplagten Briten hatte sich verstärkt, nachdem der portugiesische Premierminister alle Startups öffentlich eingeladen hatte: „Ihr seid immer willkommen“. Immer mehr Gründer nahmen ihn beim Wort und viele junge Firmen aus London verlegten ihren Hauptsitz an die Atlantikküste und behielten nur noch eine kleine Niederlassung in der alten Heimat – für den Fall, dass sich dort doch wieder etwas ändern sollte.

Sobald die Fertigstellung der Lissabon-Strecke greifbar war, hatte sich Mariana die Verbindung zwischen Hongkong und Taipeh, mit über fünf Millionen einkaufswilligen Chinesen eine der weltweit meistbeflogenen Routen, angesehen. Doch die Überbrückung des Meers stellte eine enorme Herausforderung dar. Mariana, die stark durch die Verkehrssituation in ihrer ehemaligen Geburtsstadt Sao Paolo noch während ihrer Studentenzeit in München den Grundstock für ihre Hyperloop-Firma gelegt hatte, wollte auch im Gütertransport Fuß fassen.

BejingIhr größtes Ziel war, eine Strecke von München über Moskau nach Jingjinji zu bauen. Letzteres war das ehrgeizige Unterfangen der Chinesen, aus den bisherigen Bezirken von Bejing (Jing), Tianjin (Jin) und Hebei (Ji) eine 130 Million Einwohner umfassende Mega-Smart-City zu erschaffen – streunende Hunde nicht inbegriffen.

Die Versorgung dort würde eine zentrale Herausforderung darstellen, insbesondere mit umweltschonenden Transportmitteln, die dem Klimawandel nicht noch weiter befeuerten. Reshma hatte vor einigen Wochen angefangen, bei möglichen Finanzgebern anzufragen.
Auf ihrem Laptop befanden sich Informationen zu den Summen, mit denen sich einige Investoren ein Stückchen des Kuchens sichern wollten. Sollten sich wirklich alle für eine Beteiligung an dem Projekt entscheiden, wäre es finanziell gesehen ein Spaziergang.

Reshmas Forensik-Team hatte sich noch nicht gemeldet und das machte sie unsicher. Sie wollte auf keinen Fall ihr Laptop starten ohne eine Bestätigung, dass keine Erpressungssoftware installiert worden war. In solchen Fällen zahlte es sich aus, paranoid zu sein. Ihr Telefon klingelte einmal. Es war eine unverschlüsselte Nachricht.

“Weißt du, was dein Junge gerade so treibt?” Sie runzelte die Stirn. Was war das denn?

Wer steckt hinter der Nachricht und was ist ihr Ziel?

COMING SOON – ALS TASCHENBUCH UND E-BOOK

UNTER DEN ROLE MODELS SIND

RESHMA SOHONIMARIANA AVEZUMTOMMY OTZEN

INSPIRIERT VON

Der Code ist ein unabhängig geschriebener Kurzroman. Die Entscheidungen, welche Personen und Themen darin vorkommen, wurden alleine vom Verlag und der Autorin getroffen. Keine dritte Partei hat dafür bezahlt.
2022-06-10T22:44:52+00:00

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