Die Bestätigung

Ein Kurzroman mit echten Vorbildern und Inspiration zu Nachhaltigkeit, Innovation und Diversity im Technologie-Bereich.

von Alex Ruby. Editor: Babett Müller

Louisa legte auf. Es war ein anstrengendes Telefonat gewesen. Wieder einmal. Nach diesen Gesprächen fragte sie sich immer, warum sie sich das überhaupt antat. Sie hatte mit einer Freundin aus Kindheitstagen gesprochen. Früher, als Kinder, waren sie unzertrennlich gewesen. Je älter sie wurden, desto mehr entwickelten sich ihre Leben in unterschiedliche Richtungen und sie lebten sich nach und nach auseinander.

Wenn sie miteinander sprachen, fühlte Louisa sich immer angegriffen. Ihre Freundin stellte alles, was sie tat, in Frage. Dann begann Louisa sich zu rechtfertigen, zu erklären. Sie wusste nicht einmal, warum sie das tat. Wahrscheinlich sehnte sich ein Teil von ihr danach, dass es zwischen ihnen wieder wie früher war, als ihre Freundschaft von gegenseitigem Verständnis und beidseitiger Anerkennung geprägt war.

Normalerweise wäre sie nicht einmal im Land gewesen, um diesen Anruf entgegenzunehmen. Aber ihre Reisepläne lagen auf Eis. Bis wann wusste niemand. Louisa hatte sich so sehr darauf gefreut, nach Toronto zu fliegen, nachdem sie vor Monaten über die Stadt gelesen hatte. Eine Reise nach Kanada stand ganz oben auf ihrer Liste. Flug und Wohnung waren bereits gebucht gewesen. Dann war die Pandemie ausgebrochen und die Welt ging in den „Lockdown“. Jedenfalls viele Teile davon.

Zuerst war sie am Boden zerstört. Ab Mitte März war sie für mehrere Wochen in ihrer Wohnung eingesperrt, mit Ausnahme von Besorgungen, die als notwendig erachtet wurden. Zumindest hatte sie einen schönen Hinterhof, in dem sie eine Pause im Freien einlegen konnte. Louisa hatte es immer geliebt, auf dem Land zu leben, und schätzte es nun umso mehr.

Am schwierigsten für sie war am Anfang, dass sie ihre Familie und Freunde nicht sehen konnte. Ein Abendessen am Wochenende oder Kaffeetrinken mit ihren besten Freunden an faulen Sonntagen waren schöne Erinnerungen, die sie unbedingt auffrischen wollte. Chats in sozialen Netzwerken waren kein Ersatz dafür. Stundenlange Videoanrufe waren anfangs komisch, machten aber schließlich Spaß, nur eben ohne Umarmungen und High Fives. In der übrigen Zeit wurden Internet und Fernsehen zu ständigen Begleitern.

Nachrichtenticker lieferten scheinbar im Minutentakt Aktualisierungen und mögliche Gegenmaßnahmen. Die ständigen Informationen über die unsichere Lage schürten allerdings nur die Angst. Nach einigen Wochen beschloss Louisa, die Updates seltener zu lesen und sich auf wichtige Ankündigungen zu konzentrieren. Ihre Stimmung hob sich sofort. Es herrschte noch so viel Verwirrung um dieses neue Coronavirus, dass man anfangs nicht wusste, wem man glauben sollte.

Der Fachjargon der Wissenschaftler war anfangs verwirrend und machte es noch schwerer, die Zusammenhänge zu verstehen. Der Erreger der Krankheit wurde SARS-CoV-2 genannt, ein neues Mitglied der Coronaviren-Familie. Menschen, die sich mit dem Virus infizierten, erkrankten an COVID-19. Vielleicht verlief die Krankheit wie eine Grippe. Vielleicht war sie aber auch wesentlich schlimmer. Manche starben daran. Andere wiederum zeigten überhaupt keine Symptome.

Ersten Berichten zufolge waren vor allem Ältere gefährdet und Menschen, die bereits an einer anderen Krankheit litten oder ein schwaches Immunsystem hatten. Bei Kindern und Jugendlichen war es weniger wahrscheinlich, dass die Krankheit einen schweren Verlauf nahm. Auch die Blutgruppe schien eine Rolle zu spielen. Aber niemand wusste wirklich Bescheid. Alle tappten im Dunkeln.

Betrachtete man die Länder, die bei der Reduzierung der Reproduktionsrate erfolgreicher waren als andere, wurde eines zumindest klar: Um die Krankheit einzudämmen, musste der Kontakt mit anderen Menschen eingeschränkt werden. Interessanterweise wurden die meisten Länder, die bei der Verhinderung größerer Ausbrüche erfolgreich waren, von Frauen geführt. Deutschland war eines dieser Länder.

Schritt für Schritt stellte sich Louisa auf das ein, was als die „neue Normalität“ bezeichnet wurde. Sie hielt Abstand, wenn sie einkaufen ging, hatte in fast jeder Jacke und Handtasche eine Maske und machte es sich zur Gewohnheit, sich oft und gründlich die Hände zu waschen. Seife war wirksamer darin, das Virus aufzulösen und damit zu neutralisieren, als die herkömmlichen Desinfektionsmittel, die weniger als sechzig Prozent Alkohol enthielten.

Als der Lockdown begann, schien der größte Teil des öffentlichen Lebens wie auf Eis gelegt. Firmen, die von dem plötzlichen Rückgang der allgemeinen Wirtschaft kaum betroffen waren, schickten ihre Mitarbeiter ins Homeoffice. Andere gingen in Kurzarbeit, eine Maßnahme, die von der Regierung bezuschusst wurde. Kindergärten, Schulen und Universitäten mussten allesamt schließen. Genauso wie Restaurants, Bars und Clubs – und sogar der Zoo.

Louisa hatte im vergangenen Jahr angefangen, Innenarchitektur zu studieren. Der Start des zweiten Semesters wurde um mehrere Wochen verschoben. Zwei Monate nach dem Lockdown wurden die Dinge einfacher, da die Einschränkungen etwas reduziert wurden. Das erste Wiedersehen mit ihrer Familie war ein Fest: Sie verbrachten den ganzen Tag im Garten, grillten und genossen die Frühlingssonne.

Bald darauf durften sich kleine Gruppen von Menschen, die nicht miteinander verwandt waren, wieder in Bars und Restaurants im Freien treffen. Louisas Heimatort war von schweren Fällen verschont geblieben und es wurden keine neuen gemeldet. Alle atmeten erleichtert auf, waren aber weiterhin auf der Hut. Nur ein kleiner Teil der Menschen war getestet worden.

Die Chance, dass jemand das Virus in sich trug, ohne Symptome zu zeigen, bestand nach wie vor. Um das Risiko zu minimieren, blieb das Tragen einer Maske in öffentlichen Innenräumen Pflicht. Und fast jeder in ihrer Stadt zeigte Respekt und hielt sich daran. Bald wurden die Vorlesungen wieder aufgenommen, allerdings in Form von Online-Sitzungen. Es dauerte eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hatte, von zu Hause aus zu arbeiten, aber jetzt war es okay.

Zusätzlich zu den Lehrinhalten des Innenarchitektur-Studiums wurden Louisa und ihre Kommilitonen mit der Recherche aktueller technischer Trends beauftragt. In ihren einschlägigen Newslettern zu kreativen Themen würde sie eher nicht fündig werden. Doch wo anfangen? In den Untiefen des Internets und der Flut an Informationen konnte man sich leicht verlieren.

Eines Morgens erhielt Louisa einen überraschenden Anruf, der zur Abwechslung sehr ermutigend war. Ihre Tante Alex nahm als Rednerin an einer der größten Technologiekonferenzen der Welt teil, und hatte ein Gast-Ticket für ihre Nichte. Louisa war aufgeregt, denn wenn Menschen an Innenarchitektur dachten, verbanden nur die wenigsten diese mit Technologie. Die Mehrheit stellte sich luxuriös gestaltete Villen, luftige Lofts und gemütliche Landhäuser vor.

Komfortanspruch und der Klimawandel verlangten jedoch nach Technologien, die das Zuhause intelligent und zu einem Smart Home machten. Innenarchitektur war per Definition die Kunst und Wissenschaft zur Schaffung einer gesunden und ansprechenden Umgebung für die Bewohner eines bestimmten Raums.

Sensoren, Software und Aktuatoren waren ebenso wichtig wie die effektive Raumnutzung oder ästhetische Aspekte: elektrisch betriebene Fenster und Jalousien, die sich automatisch der Luftqualität im Haus und dem Sonnenstand anpassten; Regler für Raumtemperaturen, die je nach Zimmer und Zeit individuell eingestellt und kontrolliert werden konnten, um den Vorlieben jedes einzelnen Bewohners gerecht zu werden. Der Betrieb von Wasch- und Geschirrspülmaschinen oder das Laden von Elektrofahrzeugen in Nebenzeiten sorgte für eine gleichmäßige Auslastung des Stromnetzes und kam dem Geldbeutel des Hausbesitzers sowie der Umwelt zugute.

Beim Durchsehen der Website, der Redner und des Themenplans der Konferenz war Louisa sofort Feuer und Flamme und nahm das Ticket ohne zu zögern an. Sie erfuhr, dass die Veranstalter Anfang März die ersten waren, die den Schritt wagten, ein Event dieser Größenordnung komplett online zu veranstalten, damit die Menschen sicher von zu Hause aus teilnehmen konnten.

The Affirmation Eine nicht gerade kleine Herausforderung, wenn man bedachte, dass 32 000 Teilnehmer aus über 140 Ländern 634 kuratierte Redner erleben wollten. Für Start-ups konnte die Teilnahme an der Konferenz einen Durchbruch bedeuten. Angesichts der Pandemiesituation waren Risikokapital und Großinvestoren schwieriger zu finden. 850 Investoren würden durch die virtuellen Ausstellungshallen streifen, um Finanzierungsmöglichkeiten auszuloten und ihr Portfolio zu erweitern.

In diese für sie noch neue, stark technologieorientierte Welt wollte Louisa unbedingt tiefer eintauchen. Sie war sich sicher, dass das die Chance war, ihren Professor zu überraschen. Sie nahm es auch als gutes Omen, dass die Veranstaltung normalerweise in Toronto stattgefunden hätte – was der Grund dafür war, dass alle Termine durch die Zeitverschiebung bei ihr in Deutschland sechs Stunden später begannen.

Am frühen Nachmittag des ersten Tages war Louisa startklar: Die mobile App war heruntergeladen, um ihre Termine zu planen und sich mit anderen Teilnehmern oder Unternehmen zu vernetzen; sie war in die Web-App eingeloggt, um Videokonferenzen, Interviews und Fragerunden oder Pressekonferenzen mitzuverfolgen; der Akku ihres Laptops war vollständig aufgeladen, der Bildschirm in einem bequemen Blickwinkel eingestellt; Wasser und Snacks standen daneben.

Es war am Anfang eine Herausforderung gewesen, sich in der Fülle der Themen zurechtzufinden. Viele Vorträge waren der aktuellen Situation gewidmet, wie Unternehmen und ihre Mitarbeiter sich auf das Arbeiten aus der Ferne eingestellt oder bei ihren Projekten zur digitalen Transformation einen Gang zulegt hatten. Da Louisa nebenher noch einige Aufgaben für ihr Studium erledigen musste, konzentrierte sie sich auf Themen rund um Nachhaltigkeit und auf Menschen, deren Geschichten sofort ihr Interesse geweckt hatten.

Die erste Inspiration war nicht von dieser Welt: Alyssa war eine junge Frau aus Louisiana. Sie nannte den Mars ihr „Zuhause“ und hatte sehr gute Chancen, als erste Frau den Mars zu betreten. Ihre Geschichte war außergewöhnlich. Im Alter von drei Jahren sah Alyssa einen TV-Zeichentrickfilm über eine Mission zum Mars, der den Grundstein für ihre heutige Leidenschaft legte. Auf dem Mond waren andere bereits gewesen, aber es würde ihre Generation sein, die zum Mars flog.

Während ihrer gesamten Kindheit und Jugend hielt sie unerbittlich an ihrem Traum fest. Ballettunterricht und Fußball spielen waren in Ordnung, aber nicht das, was sie ihr Leben lang tun wollte. Langsam aber stetig näherte sich Alyssa ihrem Traum und war mit zwölf Jahren die jüngste Person, die alle NASA-Camps besucht hatte. Das verschaffte ihr eine Einladung zu einer Live-Podiumsdiskussion im NASA-Fernsehen. Plötzlich war sie zusammen mit einem Astronauten und Menschen mit Doktortitel zu sehen und tauschte Ideen darüber aus, wie zukünftige Missionen zum Mars aussehen könnten.

Alyssa setzte ihren Weg fort, um sich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der ihr Traum endlich Wirklichkeit werden würde. Sie hakte alle 14 NASA-Besucherzentren von ihrer Liste ab. Sie studierte Schulfächer in vier verschiedenen Sprachen – man konnte ja nicht wissen, aus welchem Land die Kollegen der Marsmission kommen würden.

In einem Alter, in dem die meisten Teenager es nicht erwarten konnten, den ersten Autoschlüssel in ihren Händen zu halten, bewegte sich Alyssa näher in Richtung ihres Traums: Sie absolvierte die Advanced Possum Academy und wurde so zur Trainee-Astronautin. Sie erhielt auch eine Bescheinigung darüber, dass sie in den Weltraum fliegen durfte, und die Anerkennung dafür, dieses Ziel als jüngste Person überhaupt erreicht zu haben.

Nebenbei machte sie einen Tauchschein. Denn wie unter Wasser gab es auf dem Mars keinen Sauerstoff, es sei denn, man brachte welchen mit. Sie erwarb auch eine Pilotenlizenz für Privatflugzeuge. Wenn es ihr voller Terminkalender erlaubte, ging sie in die Luft und entspannte sich über den Wolken. Danach konzentrierte sie sich auf ihr Studium der Astrobiologie.

The Affirmation - Micro Novel - AlyssaAstronauten steuerten nicht einfach nur eine Raumfähre, um Menschen zum Mars zu chauffieren. Weltraumtourismus hörte sich für einige nach Spaß an, aber er war nicht nachhaltig. Um auf diesem weit entfernten Planeten ein Lager aufzuschlagen, brauchte man Wissenschaftler, die erforschten, wie man dort längerfristig leben und sich selbst versorgen könnte.

Aspekte, die Alyssa faszinierten, waren medizinischer oder ökologischer Natur. Gab es im Wasser auf dem Mars Bakterien, die uns auf der Erde bei der Bekämpfung von Pandemien wie der gegenwärtigen helfen könnten? Wie könnten wir dort oben Pflanzen züchten? Welche lokalen Ressourcen könnten genutzt werden? Eine Mars-Mission hielt auch Abenteuer wie EVAs – Aktivitäten außerhalb des Fahrzeugs – bereit, vorausgesetzt, dass ein Schutz gegen die hohen Strahlungen, denen die Astronauten dort ausgesetzt waren, gefunden wurde.

Es galt auch, sich darüber Gedanken zu machen, wer sich wann um anfallende Hausarbeiten, wie etwa den Austausch von Luftfiltern in Wohnungen, kümmerte. Ging es nach Plänen einiger Silicon Valley Größen, so waren noch zehn Jahre Zeit, um dies alles zu erforschen und Lösungen zu finden. Alyssa hatte ihren Traum nun fast zwei Jahrzehnte lang verfolgt. Es würde noch mindestens zehn Jahre dauern, bis sie einen Fuß auf ihren Heimatplaneten setzte.

Louisa fragte sich, wie man so viel Geduld haben konnte. Das Geheimnis war dasselbe wie bei allen anderen, die einen Traum hatten, ganz egal, welche Art von Traum es war: kleine Ziele auf dem Weg dahin zu definieren und von Meilenstein zu Meilenstein zu gehen. Zeitmanagement war eine echte Herausforderung, räumte Alyssa ein. Es gab einfach so viel zu lernen – von notwendigen über interessante bis hin zu faszinierenden Themen.

Inspirierende Vorbilder zu haben, half ihr, die Leidenschaft lebendig zu halten. Eins ihrer Idole war die ehemalige NASA-Astronautin Sandra Magnus, die 157 Tage im Weltraum verbracht hatte. Und William Parsons, ein ehemaliger Direktor des John F. Kennedy Space Center (KSC) der NASA in Florida. Ganz typisch für Alyssa und ihre ehrgeizigen Ziele, wollte sie ihn unbedingt treffen. Zufällig kannte ein Freund ihres Vaters ihn vom Gymnasium und stellte die beiden einander vor.

Alyssa wollte ihr Wissen nutzen und für die nächste Generation vorausplanen. Sie glaubte, dass alle Menschen gleichberechtigt und Weltbürger waren. Und dass es neben dem Bestreben, seine eigenen Träume zu verwirklichen, das Wichtigste war, anderen zu helfen. Deshalb hatte sie die Blueberry Foundation mit dem Ziel gegründet, mehr junge Menschen in Weltraumcamps zu schicken. Bislang hatten 125 Menschen im Alter von zwölf bis 18 Jahren teilgenommen. Es war nicht die Frage ob, sondern wann die Menschheit auf dem Mars zu leben beginnen würde, war sich Alyssa sicher. Es würde ihre Generation sein, die die Dinge im Weltraum vorantrieb.

Louisa war fasziniert. Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum wie ein atmosphärischer Sturm. Wie wäre es, auf dem Mars zu leben? Wie baute man Wohnräume? Kürzlich hatte sie gehört, dass eine Mischung aus menschlichem Urin, genauer gesagt dem Harnstoff, und dem Steinpulver des Mondes eine gute Mischung für Baumaterial zu sein schien. Alles, was benötigt wurde, war ein 3D-Drucker, der die Substanz in Form brachte. Vielleicht funktionierte das auch auf dem roten Planeten?

Und wie ließen sich die Innenräume gestalten? Was wäre zu berücksichtigen? Schließlich sollte es ein Ort sein, der eine gewisse Behaglichkeit ausstrahlte. Louisa liebte es, sich mit Pflanzen zu umgeben. Welche Arten von Pflanzen waren geeignet, um dort oben zu überleben? Was war mit Haustieren? Seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Tiere wie Hunde und Affen in den Weltraum geschickt, um die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf die biologischen Funktionen zu erforschen.

Astronauten hatten auch eine Unzahl an Krabbeltieren und Insekten wie Wespen, Bienen oder Schmetterlinge, aber auch Fische erforscht, um die Auswirkungen der Mikrogravitation zu verstehen. Vor einiger Zeit war Louisa mit ihrer Schwester in eine Drogerie gegangen, um ein Mittel gegen Silberfische zu finden.

Neugierig wie sie war, hatte Louisa zu den lästigen Tierchen recherchiert und überrascht herausgefunden, dass diese kleinen Kreaturen bis zu acht Jahre alt werden konnten. Das war viermal so alt wie ein Hamster. Sie fragte sich, welche Art von Inspiration die Überlebensmechanismen der Silberfische für das Leben auf dem Mars liefern könnten. Die Bionik war ein Gebiet, das sie schon immer interessiert hatte.

Louisa betrachtete ihre Snacks, während sie einen Schluck Tee trank. Auch auf dem Mars musste man essen. Lebensmittel per App zu bestellen war unmöglich. Wie ließen sich dort oben Lebensmittel anbauen und ernten? Ein Start-up hatte vor kurzem Zellen des Blauflossenthunfischs zur ISS geschickt, damit Astronauten mit den im Labor gezüchteten Fischen experimentieren konnten. Das klang alles wie aus einem Science-Fiction-Roman.

Sie machte sich eine gedankliche Notiz, nach weiteren Ideen und Projekten in diesem Bereich zu suchen. Louisa war sich nicht sicher, ob sie jemals zum Mars fliegen wollte. Sie stellte sich vor, wie sie die meiste Zeit räumlich eingeschränkt und nicht in der Lage sein würde, viele Menschen zu treffen. Genau wie bei dieser elendigen Pandemie! Obwohl sie die kreative Stille genoss, wenn sie allein zu Hause war, brauchte sie Menschen um sich herum.

The Affirmation - Micro Novel - LouisaSie hatte noch etwas Zeit, bevor die nächste Session ihres Terminplans begann. Louisa beschloss, die „Sich unter Leute mischen“-Funktion der Konferenz-App zu nutzen. Der Algorithmus der App brachte Menschen zusammen, die ein gemeinsames Interesse in denselben Bereichen hatten. Nachhaltigkeit war eines der Themen, für die sich Louisa entschieden hatte. Da sie auf dem Land aufgewachsen war, hatten Wiederverwendung und Recycling bereits in frühen Teenagerjahren ihre Aufmerksamkeit erregt.

Ihre Großmutter, mit der sie viel Zeit verbrachte, hatte immer noch großen Einfluss auf sie. In den Teenagerjahren ihrer Großmutter hatte es keine so große Auswahl an Produkten gegeben. Von To-Go-Produkten, ausgenommen Bananen und Äpfel, hatte damals noch niemand gehört. Für eine Wanderung oder einen erholsamen Badetag an einem nahegelegenen See waren belegte Brote geschmiert und in Bienenwachspapier verpackt worden. Die Getränke wurden in Flaschen abgefüllt, die wieder mit nach Hause gebracht wurden. Inspiriert von der Weisheit ihrer Großmutter waren für Louisa die Abfallreduzierung und ein nachhaltiger Lebensstil sehr wichtig.

Bisher war sie international nicht viel gereist, träumte aber neben dem Besuch von Toronto davon, eines Tages ein paar exotische Orte zu erkunden. Ihre Sehnsucht wurde durch Posts in sozialen Netzwerken geweckt. Postkarten-Motive mit scheinbar endlosen weißen Sandstränden und kristallklarem Meereswasser, das zum Eintauchen einlud – entweder, um sich nach der Hitze oder dem leichten Schwips nach ein oder zwei Cocktails am frühen Nachmittag abzukühlen.

In Wirklichkeit wurden diese Bilder aber immer schneller zu Illusionen. Täglich wurde millionenfach Einwegplastik weggeworfen. Riesige Plastikteppiche schwammen auf den Ozeanen, gefährdeten Meerestiere und wurden an die Ufer gespült: Flaschen und Tüten, To-Go-Becher, Einwegverpackungen und Strohhalme. Es war kein Kampf, den einzelne Personen alleine gewinnen konnten. Dafür brauchte es viele kluge Köpfe, die – oft unbewusst – zusammenarbeiteten.

Louisa erfuhr, dass Emma Rose, mit der sie sich jetzt online traf, so jemand war. Die sympathische Frau Anfang dreißig hatte viele Aha-Momente erlebt. Ihre Mission war es, maritimes Leben zu retten. Im Herzen war sie eine Meerjungfrau. Sie begann bereits in ihrer Studienzeit, verkleidet als mystisches Wasserwesen, Strände zu säubern. Louisa lächelte bei dieser Vorstellung. Da Emma es liebte, mehr über menschliches Verhalten herauszufinden, studierte sie Neurowissenschaften mit dem Ziel, Ärztin zu werden.

Aber das Schicksal hatte etwas anderes mit ihr vor. Anstatt Menschen zu heilen, begann sie, Lösungen zu suchen, die den Planeten von Verschmutzung befreien sollten.  Mit einem Master-Abschluss von Harvard in Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in der Tasche begann sie im Los Alamos National Laboratory an Möglichkeiten zur drastischen Reduzierung von Abfällen zu arbeiten. Nach vier Jahren wusste sie, dass da draußen noch mehr auf sie wartete. Erlebnisse während einer Reise nach Thailand trieben ihren Ehrgeiz nach Veränderung an.

Louisa war neugierig und wollte mehr erfahren, denn mit Thailand verband sie weiße, unberührte Strände und Badespaß im türkisfarbenen Wasser. Doch Emma hatte eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Tausende von Plastikstrohhalmen verunreinigten die Strände. Sie sagte Louisa, dass sie sofort wusste, was ihr Ziel sein musste: Abfall zu vermeiden – und nicht nur zu reduzieren.

Ein weiterer Zufall, bei dem sie einen Gleichgesinnten traf, befreite die unternehmerische Meerjungfrau in ihr endgültig. Louisa war von Emmas Mut schwer beeindruckt. Ohne zu prahlen erzählte Emma, wie sie Ende 2017 Chefin und Mitbegründerin eines Unternehmens wurde, das einen wiederverwendbaren Strohhalm entwickelte.

Es war kein typischer Strohhalm aus Glas oder Metall. Diese waren zwar okay, aber entweder empfindlich in der Handhabung und konnten leicht brechen, oder waren zu sperrig für die Handtasche. Die Lösung war ein faltbarer, widerstandsfähiger Strohhalm, der sich weich an den Lippen anfühlte. Er passte – einschließlich einer ausziehbaren Reinigungsbürste – in ein kleines Etui, das sich leicht am Schlüsselbund befestigen ließ – jederzeit griffbereit.

Ein entscheidender Moment war, als Seattle, die Heimat großer Technologieunternehmen, bekannt gab, Plastikstrohhalme und Einwegutensilien in der Gastronomie zu verbieten. Emma startete mit ihrem Unternehmen eine Kickstarter-Kampagne, für die sie ein witziges Video drehten. Louisa machte sich eine Notiz, um es später anzusehen.

Ihr Sinn für Humor traf einen Nerv, strahlte Emma. Es folgte ein Intermezzo im Shark Tank. Ein Hai hob seine Flosse und machte ein Angebot. Es wäre aber kein großer Fang gewesen. Emmas entschied, dass Haie und Meerjungfrauen nicht dazu geschaffen waren, gemeinsam und glücklich bis ans Ende ihrer Tage in den Sonnenuntergang zu schwimmen. Aber das machte nichts, denn rückblickend waren Haie auch nur kleine Fische, lachte sie.

Ihre Kampagne wurde von einer Welle erfasst, die sich immer höher auftürmte, bis die Aktion das Hundertfache der gewünschten Summe angespült hatte. Aber es blieb keine Zeit, sich zurückzulehnen, Champagner zu trinken und den Erfolg zu feiern, seufzte Emma. Plötzlich mussten sie innerhalb von sechs Monaten 100 000 Strohhalme liefern. Louisa wollte unbedingt wissen, wie es weitergegangen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, welche Schritte notwendig waren, um diese Aufgabe zu meistern.

Emma sagte, sie habe tonnenweise Artikel über Fehler, die andere gemacht hätten, gelesen. Sie pickte sich die heraus, aus denen sie lernen konnte. Sie hörte sich Podcasts an, um sich inspirieren zu lassen. Wie hatten sie ein starkes Fundament für das Unternehmen geschaffen? Emma erzählte Louisa, dass sie sich einen Business-Coach besorgt und ihr Netzwerk für Ratschläge angezapft habe.

Wo hatten sie so schnell ein Team gefunden? Zuerst, so sagte Emma, habe sie das getan, was sie für selbstverständlich gehalten hatte. Sie engagierte jeden, der helfen wollte – hauptsächlich Familie und Freunde. Wie sich herausstellte, war das nicht bei allen eine so gute Entscheidung gewesen. Die Erkenntnis war hart, aber eine gute Lehre.

Dann entwickelten sie einen Einstellungsprozess. Sie nutzten LinkedIn und soziale Medien. Nachhaltigkeit schien ihr eher ein Frauending zu sein. Nach den Erfahrungen mit ihrem Team fanden Frauen kreativere Lösungen für die ihnen gestellten Aufgaben. Emma warf ihr Netz aus, um ein Team aufzubauen, dessen Qualität schlussendlich die Qualität des Unternehmens bestimmte. Ihre humorvolle und unterhaltsame Markenstimme zog die richtigen Leute an. Sie fanden in Emmas Firma den Sinn, den sie für ihre Arbeit gesucht hatten.

The Affirmation - Micro Novel - EmmaMit dem Erfolg kamen Angebote, das Unternehmen zu verkaufen. Aber sie und ihr Team lehnten diese ab. Sie waren auch nicht auf Investorenfang. Emma erzählte Louisa, dass ihr bisher aufregendster Moment war, als sich etwas erfüllte, wovon sie einmal nachts geträumt hatte: Ein Unternehmen für Outdoor-Ausrüstung startete den Verkauf ihres Produkts in 180 Geschäften.

Louisa erfuhr auch, dass die Strohhalme an Kunden in über 100 Ländern verkauft worden waren. Eine beeindruckende Zahl, stimmte Emma mit einem Lachen zu. Die Zahl der Leute, die „verantwortungsbewusst schlürften“ – so der Produkt-Slogan – wuchs ständig. Louisa war neugierig, was als nächstes kam. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Emma sich einfach auf ihrem Erfolg ausruhen würde.

Ganz im Gegenteil: Neue Produkte waren marktreif. Ein größerer Strohhalm für Boba-Drinks oder Bubble-Teas. Eine faltbare Gabel und ein Spork – die Kombination aus Löffel und Gabel. Wiederverwendbare Wischtücher. Und das war nicht das Ende des Horizonts für die Meerjungfrau. Emma sah Verschwendung als Designfehler.

Immer wenn sie etwas wegwerfen musste, dachte sie darüber nach, wie sie es neugestalten und Abfall reduzieren oder eliminieren konnte. Louisa war von diesem Ansatz fasziniert. Er fügte dem Produktdesign, das sich noch zu oft nur um den Nutzen und die Kunden drehte, eine weitere wichtige Ebene hinzu. Sicherlich wurde Nachhaltigkeit inzwischen mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Aber oft lag der Schwerpunkt eher auf der Verwendung nachhaltiger Materialien, dem geringen Energieverbrauch bei der Produktion oder Verpackungs- und Versandoptionen mit möglichst wenig Auswirkungen auf die Umwelt. Sie hätte sich noch stundenlang mit Emma unterhalten können, aber ihr Online-Treffen war zeitlich begrenzt und nun zu Ende.

Da ihre nächste Session erst in einer halben Stunde war, beschloss Louisa, einen der faltbaren Strohhalme zu bestellen. Er würde ein großartiges Demonstrationsobjekt sein, das sie ihrem Professor und den anderen in der Vorlesung zeigen konnte. Sie war sich sicher, dass niemand bisher davon gehört hatte, und sie liebte es, etwas Neues mit anderen teilen zu können.

Vor einiger Zeit hatte sie mit einem Verlag an der visuellen Gestaltung eines Spionageromans über Elektrofahrzeuge und IT-Sicherheit gearbeitet. Das Buch war gespickt mit wahren Informationen und hatte sie zu einer Expertin für diese Art von neuen Autos innerhalb ihres Freundeskreises gemacht. Alle waren zutiefst beeindruckt gewesen und es hatte ihr eine süße Genugtuung verschafft, mehr zu wissen als ihr damaliger Freund und seine autobegeisterten Jungs.

Die nächste Session wurde auf dem Radiosender ausgestrahlt. Es war eine vorab aufgezeichnete Podiumsdiskussion mit zwei Gründern. Die Themen von Brian und Ethan gingen alle an: Körperpflegeprodukte und Kleidung. Ihre Tante moderierte die Diskussion und Louisa war schon ein wenig stolz darauf, eine Person des Panels persönlich zu kennen.

Sie fand es interessant, dass Brian seine Firma gründete, nachdem er eine ähnliche Erfahrung wie Emma gemacht hatte. Vor einigen Jahren hatte er zwischen zwei Jobs sein New Yorker Zuhause für einen Urlaub in Thailand verlassen, um Tauchen zu lernen. Anstatt in paradiesischen Gewässern zu schwimmen, fand er sich von Einwegplastik umgeben. Das machte ihn so traurig, dass er beschloss, Teil der Menschen zu werden, die die Dinge zum Besseren verändern wollten.

Anfang 2018 gründete Brian ein Unternehmen, das Produkte für die tägliche Körperpflege entwarf. Es war Zeit für einen frischen Ansatz. Dinge wie Deodorant, Mundwasser, Shampoo und Seife kamen normalerweise in Plastikbehältern, die leer im Müll landeten. Aber es gab bessere Lösungen. Mundwasser entstand durch kleine Tabletten, die sich in Wasser auflösten.

Shampoo und Seife, ausschließlich aus natürlichen Inhaltsstoffen hergestellt, wurde in handfeste Stücke gepackt. Sogar die Seifenschale wurde aus etwas hergestellt, das die Natur zur Verfügung stellte: ein Sedimentgestein aus versteinertem Phytoplankton. Die Zahnseide kam in nachfüllbaren Behältern. Meterlange, biologisch abbaubare, mit veganem Wachs durchtränkte Seidenfäden wurden auf eine Spule auf Zuckerrohrbasis gewickelt, die sich leicht austauschen ließ. Reine ätherische Öle sorgten für Geschmack.

Deodorant-Behälter waren so konzipiert, dass sie immer wieder mit einer sauberen Mischung aus pflanzlichen und mineralischen Inhaltsstoffen – ein rein natürlicher Bakterienkiller ohne Aluminium – nachgefüllt werden konnten. Brians Firma und ihre Kunden hatten seit der Gründung über 5 000 Kilo Einwegplastik eingespart. Obwohl im Vergleich zur weltweiten Abfallmenge keine riesige Zahl, waren sie stolz auf dieses Ergebnis. Ihre Firma war noch jung und schon auf einem guten Weg, denn sie trugen zur Vermeidung von Abfall bei.

Genau wie die Firma seines Panelpartners. Ethan hatte vor etwa zehn Jahren ein Bekleidungsunternehmen in Kanada gegründet. Er hatte kein besonderes Erlebnis gehabt, sondern war vielmehr von dem Wunsch getrieben worden, etwas Eigenes aufzubauen. Eines Tages beschloss er, seinen Job als Unternehmensberater aufzugeben und zusammen mit einem Freund an verschiedenen Ideen zu arbeiten.

Ethan hatte viele Talente. Er hatte Schauspiel und Tanz, aber auch Informatik studiert. Dies brachte ihn und seinen Freund auf viele Ideen. Eine davon wurde von Männern aus ihrem Bekanntenkreis beeinflusst, die offen für Ratschläge zu ihrem Kleidungsstil waren. Im Jahr 2010 führte dies Ethan und seinen Freund schließlich dazu, eine Bekleidungsmarke zu schaffen, die zeitlos war. Ihr Design wurde von zwei Dingen beeinflusst: den verschiedenen Wetterverhältnissen in Kanada und dem Bedürfnis der Menschen, ihren individuellen Style durch Kleidung auszudrücken.

Ethans Firma machte es sich zum Kernthema, Kleidung herzustellen, die während der Produktion nur minimale Auswirkungen auf den Planeten und eine lange Lebensdauer hatte, sodass die Kunden sie immer und immer wieder ohne Qualitätsverlust tragen konnten. Sie hatten sich auch für die nächsten Jahre solide Ziele gesetzt, um fabrikneues Plastik und Polyester aus ihrer Lieferkette zu verbannen, COշ-Ausgleichsprogramme umzusetzen und mehr erneuerbare Energien zu nutzen.

Louisa kannte viele Leute, die Mode liebten und für die es ganz normal war, wöchentlich shoppen zu gehen, nur um genug Outfits zu haben, die sie auf ihrem Instagram-Profil zeigen konnten. Da die meisten Menschen nicht über ein riesiges Budget verfügten, waren im letzten Jahrzehnt Modediscounter, die billige Kleidung im Promi-Stil anboten, wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Aber Louisa hatte zu viele Berichte über sklavenähnliche Zustände in den weit entfernten Fabriken und riesige Deponien voller unverkaufter Kleidung gesehen, um sich dieser Gruppe von Menschen anzuschließen. Obwohl sie auch gerne gut aussah, war sie mit der Einstellung „lieber Qualität statt Quantität“ erzogen worden. Seit einigen Jahren achtete sie mehr darauf, woher die Kleider kamen und woraus sie hergestellt wurden.

Brian und Ethan waren sich einig, dass Informationen ein wirkungsvolles Instrument zur Beeinflussung des Konsumentenverhaltens waren; insbesondere Informationen über die Verantwortung, die ein Unternehmen gegenüber der Nachhaltigkeit übernahm, und über Erfolge bei der Abfallreduzierung. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien konnten Unternehmen Communities aufbauen, darüber direkt mit ihren Kunden kommunizieren und so das Bewusstsein steigern.

Transparenz war der Schlüssel. Informationen mussten einfach und leicht verständlich präsentiert werden. Waren sie nachvollziehbar, konnten Menschen ihre Kaufentscheidungen besser beurteilen. Wenn diese Fakten in einer Form mitgeteilt wurden, die die Sinne ansprach, wurden sie sehr gut aufgenommen. Warum? Menschen waren stolz darauf, gute Neuigkeiten, von denen sie gerade erfahren hatten, mit anderen zu teilen. Genau dann bewegten sich die Dinge in die richtige Richtung und wurden zum Trend.

Die etablierten Branchen für Mode- und Körperpflegeprodukte waren riesig. Die Lieferketten waren auf die Steigerung der Gewinne bei gleichzeitiger Senkung der Preise in einem stark umkämpften Markt ausgerichtet. Der Aufwand, der betrieben werden müsste, um dieses System zu ändern, war enorm. Kunden mussten sich bewusstwerden, dass ihr Kaufverhalten einen immensen Einfluss hatte.

Dass ein Wandel hin zu nachhaltigeren Produkten und umweltfreundlicher Produktion mit weniger Abfall die Mithilfe aller erforderte. Es war zwar höchst wünschenswert, überhaupt keinen Abfall zu produzieren, aber das war ein sehr hochgestecktes Ziel. Es barg auch das Risiko, die Menschen zu entmutigen. Brians Ziel war es, Schritt für Schritt besser zu werden und so ein Beispiel für andere zu sein. Louisa hatte einmal versucht, ihren Lebensstil umzustellen und überhaupt keinen Müll zu verursachen. Aber das war nahezu unmöglich gewesen. Sie konnte Brian gut verstehen.

Es gab jedoch Bereiche, in denen ein solcher Ansatz möglich war. Ethans Firma strebte Zero Waste an. Sie konzentrierten sich auf wiederverwendbare Materialien, nicht nur für die Herstellung von Kleidung, sondern auch für Produktanhänger und Einkaufstaschen. Versandtaschen waren kompostierbar. Geschäftsräume waren mit recycelten oder aufgewerteten Möbeln ausgestattet. Sie maximierten ihre Bestrebungen, die mit ihrem Geschäft verbundenen Kohlendioxidmissionen zu reduzieren. Sie gaben einen Teil ihrer Gewinne an Organisationen wie Earth Day Canada und One Tree Planted, die damit Bäume pflanzten.

The Affirmation - Micro Novel - LouisaLouisa liebte die Idee der Wiederverwendung und des Upcyclings von Möbeln. Sie sah sich in ihrer Wohnung um. Die meisten ihrer Schränke und Vitrinen waren aus Massivholz gefertigt. In billige Stücke zu investieren hatte sie nie gereizt, da die meisten einen Umzug nicht überlebten. Indem sie sich mit natürlichen Materialien umgab, fühlte sie sich auch mehr mit der Natur verbunden.

Sie überlegte, was sie verändern könnte. Louise genoss es, Konzepte in ihrem Kopf zu entwerfen und sie auf Papier zu bringen. Aber damit war ihre Kreativität noch nicht zu Ende. Sie war auch geschickt darin, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen. Handwerkliche Arbeit erfüllte sie und der Erfolg gab ihr das Gefühl süßer Zufriedenheit. Es lenkte sie auch von ihrer täglichen Aufgabenliste ab und sorgte für eine ausgewogene Work-Life-Balance.

Die Nutzung des Hinterhofes als Outdoor-Werkstatt bereitete ihr zusätzliches Vergnügen. Der Schatten alter Bäume, die frische Luft und das Vogelgezwitscher förderten ihren Ehrgeiz. Als ihr Vermieter einen kranken Baum gefällt hatte, bestand sie darauf, dass er einen neuen pflanzte. Es inspirierte sie, dass Brians Unternehmen Ende 2019 COշ-neutral geworden war, indem es Kohlendioxidemissionen durch die Unterstützung von Projekten zur Waldaufforstung ausglich.

Sie arbeiteten mit einer Gruppe von Ingenieuren und Wissenschaftlern aus Kalifornien zusammen. Die Gruppe namens Pachama brachte Entscheider aus Waldprojekten mit Unterstützern von Klimaschutzprojekten zusammen. Ein Projekt, das Brians Firma unterstützte, war das Manoa REDD+-Projekt in Brasilien; ein anderes war bei ihm um die Ecke: das Hudson Farm Improved Forest Management-Projekt in New Jersey.

Unternehmen waren für ihr Handeln verantwortlich und konnten das Vertrauen der Verbraucher dadurch gewinnen, dass sie ihre Entscheidungen transparent machten und dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Aus diesem Grund arbeitete Ethans Firma mit Zertifizierungsstellen wie B Lab, einer gemeinnützigen Organisation, zusammen.

Im Zertifizierungsprozess zur B Corporation wurden die Unternehmen und ihre positiven Auswirkungen insgesamt bewertet. Es ging nicht nur um Produkte oder Dienstleistungen. Die Bewertung beinhaltete auch, wie ein Unternehmen mit seinen Mitarbeitern, den Partnern, den Lieferanten und seinen Kunden umging und welche Auswirkungen die Handlungen des Unternehmens auf die Umwelt hatten.

Zusätzlich dazu, dass all dies für die Öffentlichkeit transparent gemacht wurde, konnten sich Unternehmen nur dann zertifizieren lassen, wenn ihr Vorstand erklärte, ein Gleichgewicht zwischen Gewinn und gutem Zweck zu wahren. Ethans Unternehmen hatte die Zertifizierung 2019 erhalten.

Louisa recherchierte kurz im Internet. Bislang gab es in Deutschland 34 B Corp zertifizierte Unternehmen. Weltweit waren es mehr als 3 000, wobei die ersten 82 im Jahr 2007 zertifiziert worden waren. Der Prozentsatz der Menschen und Unternehmen, die sich um die Zukunft der Erde sorgten, wuchs. Sie hatte das Gefühl, dass Nachhaltigkeit nicht mehr nur ein Schlagwort war.

Als Kind hatte sie jede Menge Shampoos und Seifen in Tausenden von anregenden Düften gehabt. Plastikbehälter mit cremigem Inhalt, der nach Süßigkeiten, Cocktails oder sommerlichen Sonnenuntergängen roch, hatten den Rand der Badewanne bevölkert. Daneben hatte ein einziges Stück Seife gelegen, das ihre Großmutter benutzte. Einige Jahre später hatte Louisa ihre Sammlung entsorgt und nutzte nur noch einfache Seife. Es gab so viel von der älteren Generation zu lernen.

Sie kannte viele Menschen, die ihren Lebensstil hin zu Wiederverwendung und Recycling geändert hatten. Aber es lag nicht nur an den Verbrauchern. Es war zwar beruhigend zu sehen, dass eine wachsende Zahl an Unternehmen an Lösungen arbeitete, ihren COշ-Fußabdruck und damit die Konsumauswirkungen ihrer Produkte zu reduzieren, aber das schien nicht genug zu sein. Sie erinnerte sich an einen kontrovers diskutierten Bericht, in dem es hieß, dass die Welt von nicht einmal 200 Unternehmen und Investoren kontrolliert wurde.

Vor allem die müssten ihre Art und Weise, Geschäfte zu machen, auf ein nachhaltiges und ethisches Verhalten umstellen. Aber es schien, als ob gerade sie in diesem Spiel die Fäden in der Hand hielten und deswegen immer auf der Gewinnerseite standen.

Louisa scrollte durch die nächsten Sessions, und ihr Blick fiel sofort auf eine, die faszinierend klang. Sie handelte von einer Person namens Molly, die anscheinend irgendeine Art von Spiel gespielt hatte. Lustig, wie ihr Unterbewusstsein funktionierte, lächelte Louisa, als sie an ihre eigenen Gedanken vor ein paar Minuten dachte.

Sie liebte es, mit ihrer Familie oder Freunden Brett- oder Kartenspiele zu spielen. Einmal hatte sie auch einen englischen Roman mit dem Titel GAME gelesen. Molly hatte eine spannende Geschichte zu erzählen. So spannend, dass ihr Buch dazu sogar verfilmt worden war. Der Film war erstmals 2017 auf dem Toronto Film Festival gezeigt worden. Im Jahr 2018 hatte er eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch erhalten.

Molly, eine Frau Anfang vierzig, wirkte herzlich, freundlich und selbstreflektiert. Eine Frau, die Respekt dafür verdiente, wie sie aus einer verheerenden Situation, in die sie sich manövriert hatte, mehr oder weniger unbeschadet wieder herausgekommen war. Bereits als Kind hatte Molly einen Druck empfunden, der auf die hohen Erwartungen ihrer Familie zurückzuführen war.

Der Vater Psychologe und Professor. Die Mutter Skilehrerin und professionelle Fliegenfischerin. Einer ihrer Brüder war ein in Harvard ausgebildeter Chirurg, der andere ein professioneller American-Football-Spieler und zweifacher amerikanischer Olympia-Skifahrer.

Molly plante also eine Karriere als Anwältin und Skifahrerin. Aber dann kam alles anders. Während ihres Qualifikationslaufes für die Olympischen Spiele beendete ein Unfall auf der Piste ihre Ziele jäh. Im Nachhinein hatte sie das Gefühl, das Leben hätte ihr die Chance gegeben, den Druck abzubauen und sich ein wenig zu entspannen. Vielleicht sogar ein wenig übermütig zu werden. Ein Jahr Pause zu machen, bevor sie ihr Uni-Studium abschloss, schien eine gute Idee zu sein.

Sie zog von ihrem Elternhaus in Colorado nach Los Angeles. Um sich über Wasser zu halten, begann sie in Restaurants zu bedienen. Eines führte zum anderen und eines Tages fand sie sich an einem unglaublich aufregenden Ort wieder. In einem Nachtclub auf dem Sunset Strip in Hollywood mit dem Namen „The Viper Room“ wurde eine Partie Poker gespielt. Warum das so verlockend gewesen war? Nicht wegen des Spiels, sondern wegen der Menschen. Sie alle waren Überflieger auf ihrem Gebiet: Schauspieler, Studiobosse, Banker, Finanzchefs und Gründer von Technologiekonzernen.

Es war faszinierend dabei zu sein. Wenn sie ihnen Getränke servierte, konnte sie Dinge lernen, die man nicht auf der Straße erfuhr. Es wurden so viele Informationen unter den Spielern ausgetauscht. Ideen wirbelten nur so durch die Luft. Leute wie sie kennenzulernen könnte ihr Zugang zu Kapital und Macht verschaffen. Ihr auf Ehrgeiz getrimmter Verstand aber wollte mehr als nur zuhören.

Molly stellte sich vor, wie sie selbst Pokerspiele veranstaltete, bei denen sie die Macht hätte zu entscheiden, wer aus der Riege der Reichen und Berühmten spielen durften. Und wie sie ganz nebenbei einen Haufen Geld damit verdienen könnte. Wenn sie genug verdient hätte, dachte sie, würde sie einfach aufhören.
Aber wie so viele Pläne ging Mollys Plan nicht auf. Sie begann, ihre eigenen Spiele zu organisieren und gewann Spieler für sich, die fast jeder kannte. Damals wusste sie noch nicht, dass sie eine steile Karriere in einen tiefen Abgrund vor sich hatte.

So ruhmreich die Berühmtheiten und Politiker auch waren mit denen sie sich umgab, so verwerflich waren auch einige ihrer Charaktereigenschaften. Wenn sie verloren und das Geld um jeden Preis zurückgewinnen wollten oder wenn sie einen Lauf hatten und immer noch mehr gewinnen wollten, wurden sie völlig irrational. Ihr Ego stand ihnen im Weg. Sie konnten nicht länger klar denken und ihre Emotionen gerieten außer Kontrolle.

Einmal, erinnerte sich Molly, verlor jemand hundert Millionen Dollar. Es war ein Spiel über zwei Nächte gewesen, an dem einige Milliardäre teilnahmen. Louisa fühlte sich wie in einem Film, als sie das hörte. Es klang so surreal. Aber alles, was diese Frau erzählte, war tatsächlich geschehen. Als Molly so alt war wie Louisa jetzt, hatte sie bereits eine enorme Summe Geld verdient. Einmal kaufte sie einen Bentley und bezahlte in bar.

Neben Los Angeles baute sie in New York die zweite Säule ihres Glücksspiel-Imperiums auf. Das Personal der Luxushotels, in denen sie Präsidentensuiten für Spiele mietete, wusste immer wer sie war und wie sie hieß. Und sie hatte all diese Macht und dieses Geld aus dem Nichts erschaffen. Sie ging ihren Weg und traf eine Entscheidung nach der anderen ohne zu wissen, wohin all diese kleinen Schritte letztendlich führen würden. Auf dem Gipfel ihres Erfolgs nahmen die Dinge plötzlich eine dramatische Wendung.

Von einer weiteren Erfahrung, die Molly schilderte, bekam Louisa eine Gänsehaut. Ein Mitglied der italienischen Mafia hatte Molly bedroht, indem er in ihre Wohnung kam und ihr eine Pistole in den Mund steckte. Er wollte sie zwingen, ihnen einen Anteil an ihren Geschäften zu überlassen. Und als sie dachte, es könnte nicht schlimmer werden, klopfte das FBI an ihre Tür. Die Aussichten? Jahre im Gefängnis und wahnsinnig hohe Geldstrafen.

Molly räumte ein, dass es Wendepunkte wie diese waren, an denen man herausfand, wer man wirklich war. Und sie war mit Sicherheit niemand, der in der Vorhölle schmoren würde. Der Beweis dafür war, dass sie jetzt gesund und munter im Haus ihrer Mutter saß, lächelte und ihre Erfahrungen ungezwungen teilte.

Was ihr in den Jahren nach ihrem beruflichen Absturz geholfen hatte, war Meditation. Sie war eine leidenschaftliche Verfechterin von Meditation, denn sie half ihr dabei, den Kopf frei zu bekommen, sich auf Lösungen zu konzentrieren statt der Angst nachzugeben, und so die richtigen Entscheidungen zu treffen – auch wenn manche Entscheidung dazu diente, etwas wieder gutmachen zu müssen.

Nachdem sie ihre Geschichte in einem Buch veröffentlicht hatte, gab es eine weitere Front, an der sie kämpfen musste. Die Boulevardpresse tat das, was sie die meiste Zeit tat. Sie konzentrierte sich auf das, was ihrer Meinung nach über eine Frau erzählt werden sollte: wie sie aussah, mit wem sie sich traf, wie sie Menschen beeinflusste.

Die Berichte spiegelten in keiner Weise die vielen Facetten ihres Lebens wider, das sie in sieben Jahren als Gründerin und Inhaberin eines der größten Pokerunternehmen der Welt geführt hatte. Also musste Molly einen Weg finden, dem entgegenzuwirken und sich der Öffentlichkeit neu zu präsentieren. Sie fand die Lösung, nachdem sie mit einem Drehbuchautor, den sie bewunderte, gesprochen hatte.

Sie überzeugte ihn ihr Buch zu verfilmen. Trotz seines anfänglichen Zögerns überzeugte sie ihn auch, eng mit ihr zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass die Geschichte richtig und mit all ihren Schattierungen erzählt wurde. Schließlich war sie seine einzige zuverlässige Quelle für Informationen darüber, was in ihrem Leben geschehen war.

Abgesehen von dieser faszinierenden Geschichte nahm Louisa noch etwas anderes aus der Session mit Molly mit. Es war wichtig, die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Schon seit ihrer Kindheit war Louisa anders gewesen. Der exotische Vogel der Familie. Sie hatte es immer geliebt, etwas Kreatives zu tun. Einige Familienmitglieder und Freunde hatten sie oft gefragt – und taten es noch immer, ob sie nicht etwas „Normales“ machen wollte. Aber was war normal?

Für sie war Kreativität das, was sie ausmachte und was in ihrer Natur lag. Sie hielt an ihrer Leidenschaft fest. Nach der Schule hatte sie eine Ausbildung als visuelle Gestalterin in einem großen Möbelhaus absolviert. In diesen Jahren war ihr Interesse für Mode gewachsen. Doch bald hatte sie gemerkt, dass ihr die Branche mit den schnellen, monatlichen Kollektionswechseln in den Läden zu oberflächlich war. Unverkaufte Kleider wurden ins Lager zurückgeschickt und man konnte nur ahnen, was mit ihnen geschah. Das war für sie nicht tragbar.

Louisa hatte andere Bereiche, die mit Kreativität zu tun hatten, recherchiert. Besonders wichtig war ihr, dass sie sich in Räumen, in denen sie lebte, arbeitete oder anderweitig Zeit verbrachte, wohlfühlte. Das führte zu ihrem Innenarchitekturstudium. Ihre Professoren betonte die Wichtigkeit, sich nicht nur fachspezifische Kenntnisse, sondern auch das damit verbundene Vokabular anzueignen. Die Studierenden wurden dazu ermutigt, an ihren Ideen festzuhalten und sie mit detaillierten Erklärungen zu verteidigen.

Das schulte darin, die Dinge von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten – denn auch Kunden hatten unterschiedliche Ansichten und Erwartungen. Wie sonst konnten sie überzeugt werden?

Die Teilnahme an der Konferenz hatte sich als eine weitere wertvolle Lektion erwiesen. Alle Personen, denen sie während dieser Konferenz zugehört hatte, gaben Louisa Bestätigung. Sie glaubten fest an das, was sie taten und folgten ihrer inneren Stimme. Sie hielten an ihren Plänen fest und gaben alles, um sie umzusetzen. Sie stellten sich Herausforderungen und suchten nach Lösungen.

Sie umgaben sich mit Menschen, die ihre Werte teilten. Das bedeutete nicht, dass alle immer der gleichen Meinung waren. Aber sie diskutierten offen und respektvoll, was dem ganzen Team diente und sie alle dem gemeinsamen Ziel einen Schritt näherbrachte. All diese Menschen bestätigten, ohne es zu wissen, Louisa darin, dass ihre Entscheidung zur Berufswahl die richtige war.

Erschöpft, aber glücklich und dankbar klappte sie das Laptop zu. Louisa schwor sich, Leute, die sie runterzogen, auf Distanz zu halten oder ganz aus ihrem Leben zu verbannen. Dann rief sie ihre Tante an.
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The Affirmation - Micro Novel - Louisa

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Die Bestätigung ist ein unabhängig geschriebener Kurzroman. Die Entscheidungen, welche Personen und Themen darin vorkommen, wurden alleine vom Verlag und der Autorin getroffen. Keine dritte Partei hat dafür bezahlt.
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2020-10-04T20:15:42+00:00