Die Reise

Ein Kurzroman rund um Diversity und Nachhaltigkeit im Technologie-Bereich. Gespickt mit Fakten, Startups und echten Vorbildern.

Von Alex Ruby [~30-40 min – Download unten]

Masha lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Überall blinkten die Anzeigetafeln auf, egal wo sie hinsah. Sämtliche Flüge waren plötzlich verspätet. Sie hatte so ein Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte. Irgendwie schien sie zurzeit öfters in der Luft zu hängen. Ihren Masterabschluss hatte sie in der Tasche. Was kam nun?

Wohin würde es sie nach der Technischen Universität in München verschlagen? In Portugal hoffte sie, Antworten zu finden. Ihr Flug von London nach Lissabon hätte schon vor über einer Stunde gehen sollen. Doch an den anderen Gates hatten sich ebenfalls lange Schlangen gebildet, ohne dass etwas voranzugehen schien.

„Achtung: wir haben einen Lock-Down. Bitte bewahren Sie Ruhe. Bleiben Sie in der Nähe Ihres Gates. Wir informieren Sie, sobald neue Informationen vorliegen”, kam die Durchsage aus dem Lautsprecher. Ein Mann am Fenster schimpfte auf das Übelste. Das Vorschulkind neben ihm drehte sich weinend zu seiner Mutter um. Stöhnen schlich durch den Raum. Doch die meisten Reisenden ergaben sich still der Ungewissheit. Es war fast, als ob diese Situation ein Symbol für etwas war. Nur wofür? Welche Überraschungen würde es noch auf der Reise geben?

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model MashaMasha atmete tief durch und wickelte ihre langen, braunen Haare zu einem Knoten zusammen. Seit dem Abschied von ihrer Freundin Jelena in Boston war sie fünfzehn Stunden unterwegs. Im Flieger hatte sie nur wenig geschlafen. Doch solange keine Polizeihorden durch den Flughafen patrouillierten oder Panzer über das Flugfeld rollten, konnte es nicht so schlimm sein.

Kein Grund zur Panik also. Immerhin hatte sie so Zeit für noch einen Mocca. Sie schickte eine kurze Nachricht an Aldo, den sie in der portugiesischen Hauptstadt treffen wollte. Mit ihm hatte sie letztes Semester an einem länderübergreifenden Projekt gearbeitet. Vom Café gegenüber zum Gate zurück, lehnte sie sich an eine Säule.

„Gute Idee. Ich sollte mir einen Tee holen“, lächelte ein Mann neben ihr schüchtern. Ein Engländer, tippte Masha. Er war mit demselben Flug aus New York gekommen. Etwa zehn Jahre älter als sie, obwohl der kurzgeschnittene, gepflegte Vollbart auch täuschen konnte. Er trug keine Krawatte, sah aber nicht nach Technik-Nerd aus. Für einen Journalisten war er wiederum zu stilvoll angezogen und für einen typischen Gründer zu zurückhaltend. „Fühlt sich fast an wie in einem Krimi“, wandte sie sich ihm zu. „Das Leben schreibt oft die besten Geschichten“, erwiderte er lächelnd.

Graham war tatsächlich Engländer und Geschichten waren seine Leidenschaft. Er arbeitete für eine der renommiertesten Zeitungen der Welt. Masha war begeistert. Anfang 2014 hatte die Firma erkannt, dass Geschichten – wenn sie gut gemacht waren – ein sehr effektives Marketingtool für Unternehmen sein konnten. In New York wurde ein Brand Studio gegründet. Ein paar Jahre später kam Graham an Bord und unterstütze als Creative Director den Aufbau des internationalen Geschäfts.

Die strikte Trennung vom unabhängigen Redaktionsbereich der Zeitung war äußerst wichtig, um die Glaubwürdigkeit der Nachrichten zu erhalten. Masha dachte an Jelenas Mutter, die Journalistin war und erst kürzlich über das in China erste, genetisch veränderte Baby berichtet hatte. Wer würde so eine Geschichte ernst nehmen, wenn sie von einem Windel- oder Babynahrungshersteller gesponsort worden wäre?

Das Studio hatte sich erfolgreich entwickelt und war gewachsen, so dass Graham seit einiger Zeit von London nach New York umgezogen war. In der amerikanischen Industrie war Content Marketing bereits länger etabliert. Der Markt hatte weltweit die Vorreiterrolle übernommen. Daher standen alle Zeichen auf Expansion.

Es galt, Kunden in anderen Kontinenten von dem Nutzen zu überzeugen. Großbritannien war sehr schnell auf den Zug aufgesprungen, gefolgt von Frankreich und Italien. Letztere aus demselben Grund wie Hongkong und Südkorea: Luxusgüter eigneten sich hervorragend für die Integration in gute Geschichten. James Bond hatte das oft genug bewiesen. Das sah Masha sofort.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model Graham.Die Projekte, an denen Graham mit seinem Team arbeitete, waren zwar keine Kinofilme, aber doch aufwändig gestaltete Kreationen, in denen Text, Bilder und oft auch Videos kombiniert wurden. Sie scrollte auf der Webseite des Studios durch die Geschichte einer Biermarke. Am Ende hatte sie jedoch nicht das Bedürfnis, gleich ein Bier zu kaufen. Beim Content Marketing ging es laut Graham in erster Linie auch nicht um das direkte Verkaufen. Es war nicht einfach eine größere Fläche für Werbeanzeigen.

Vielmehr wurde die Marke einer Firma in der Außenwirkung geschärft oder beeinflusst, wie eines ihrer Produkte vom Kunden wahrgenommen wurde. Ihre Leser stellten einen gewissen Qualitätsanspruch an die Beiträge. Die Kollegen aus der unabhängigen Redaktionsabteilung legten seit Jahrzehnten die Messlatte vor. Und die war sehr hoch.

„Wie entscheidet ihr, welches Format ihr für die Geschichten nehmt?“, wollte Masha wissen. Eine Flut an sozialen Medien oder Entwicklungen im Bereich virtuelle und erweiterte Realität boten ausreichend Möglichkeiten, Endkunden über verschiedenste Themen zu informieren. Aufgrund ihres Masters in Management und Technologie würde Marketing sicher eine Rolle für ihre zukünftige Arbeit spielen.

„Wir starten immer bei der Idee für die Geschichte und entscheiden erst danach über die Erzählform“, sagte Graham. Es hieße ja „Geschichten erzählen“ und da käme das wie erst an zweiter Stelle. Das mobile Internet hatte natürlich eine riesige Auswirkung gehabt, doch müsste jede Geschichte nicht immer in unterschiedlicher Form über alle verfügbaren Kanäle erzählt werden.

Bei Anwendungen wie Snapchat hatte die Leserin oft nur wenige Sekunden Aufmerksamkeit übrig, etwa in der U-Bahn auf dem Weg in die Arbeit. In der Mittagspause hingegen konnte sie schon mal eine lange Geschichte lesen, wenn das Thema interessant genug beschrieben war. Für die Idee war es wichtig zu wissen, welche Werte eine Marke bereits vermittelte oder welche Wahrnehmung die Firma erzeugen wollte.

Das war insbesondere wichtig nach Krisen. Welche Gefühle und Gedanken sollte der Leser am Schluss haben? Erreichte man das eher auf unterhaltsame oder informative Weise? Der Kern der Geschichte musste also denselben Wert haben wie die Markenbotschaft.

Drei Dinge waren entscheidend: eine Sache oder Person, um die es sich drehte, ein Konflikt und zum Schluss die Lösung. Graham verglich die Marketing-Geschichte mit einem ersten Date: Wenn man zu viel über sich selbst erzählte, würde es wahrscheinlich kein zweites Date geben. Erst wenn die Idee stand, entschied man sich für die Erzählform und passende Technologie. Ganz zum Schluss ging es um die Plattform zur Veröffentlichung. Davon war abhängig, ob man auch die Kunden erreichte, die man erreichen wollte.

Bewegung begann sich um sie herum breit zu machen. Über die Anzeigetafeln flimmerten auf einmal neue Abflugzeiten. Es schien, als sollten sie heute doch noch ihr Ziel erreichen. Die Geschichte des Lockdowns war vom Flughafenpersonal schnell erzählt. Drohnen waren über dem Flugfeld gesichtet und eliminiert worden. Die Sicherheit war wiederhergestellt. Es bestand keine Bedrohung. Boarding für ihren Flug nach Lissabon würde in Kürze beginnen. Gerade als sie ihr Handy ausschalten wollte, kam eine geheimnisvolle Nachricht von Aldo. Sie würde eine Überraschung erleben.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model MashaMasha zog den dicken Wollschal fester um ihre Schultern. Die Müdigkeit ließ sie frösteln. London verschwand langsam unter ihnen. Masha schloss die Augen und dachte an die letzten zwei Wochen mit Jelena. Früher waren sie snowboarden oder klettern gegangen, hatten geboxt und im Schwimmbad Kilometer zurückgelegt, bevor sie nachts die verschiedensten Bars der Universitätsstadt unsicher machten.

Eine Reise nach Las Vegas vor zwei Jahren hatte das Leben ihrer Freundin stark verändert. Wer hätte ahnen können, dass Jelena in den Kugelhagel eines Irren geriet und seitdem im Rollstuhl saß. Lachen war ihre liebste Beschäftigung gewesen.,Nichts hatte sie so leicht aus der Ruhe gebracht.

Doch Masha hatte bei diesem Besuch gemerkt, dass Jelena Schwierigkeiten hatte, die Dämonen der Erinnerung zu bekämpfen. Selbst der Umzug von Chicago nach Bosten hatte nicht viel bewirkt. Scheinbar aus dem Nichts heraus konnte sie tieftraurig werden und in Tränen ausbrechen. Oder eine Panikattacke raubte ihr die Luft. Was genau in diesen Momenten passierte und den Stimmungswandel auslöste, konnte Masha schwer nachvollziehen.

Medizin und Psychologie waren nicht ihr Fachgebiet, auch wenn sie bereits öfter ehrenamtlich Hilfsorganisationen unterstützt hatte. Ihr Ausflug mit Jelena zu den Niagara-Fällen letzte Woche war immerhin ein kleines Highlight gewesen. New York dagegen hatte eher etwas von einer emotionalen Achterbahnfahrt gehabt. Wenn sie ihrer Freundin doch nur helfen könnte. Aber wie?

Ihr Sitznachbar, der wie ein dunkelhaariger Zwillingsbruder von Graham wirkte, schien ebenfalls über etwas zu grübeln. Vielleicht war er aber nur unentschlossen, ob er arbeiten oder lesen sollte. Auf seinem Laptop lag ein schwarzes Buch. Von dessen Cover starrten sie blaue, durchdringende Augen an. Ein Spionageroman, wie sie dem Text entnehmen konnte. „Liest du gerne?“, fragte Masha ihn. „Eigentlich schon, aber ich komme so selten dazu“, erwiderte er mit Bedauern.

Mate, wie sich herausstellte, stammte aus Kroatien. Mit achtzehn war er ein nationaler Elektronik-Champion gewesen, der zwei Patente hielt.
Seine Leidenschaft galt Autos, vor allem schnellen. Nachdem ihn sein erstes Fahrzeug auf der Rennstrecke komplett enttäuschte, beschloss er, es in ein Elektroauto umzubauen. Damals vor zwölf Jahren wäre das für viele äußerst ungewöhnlich gewesen. Auch Masha konnte sich nicht an wirkliche Vorbilder erinnern, was allerdings daran liegen mochte, dass sie kein Auto besaß und liebend gerne Rad fuhr. Im Geburtsland von Nikola Tesla jedoch war das anders. Junge Menschen dort waren fasziniert von dem Erfinder und ließen sich inspirieren.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model Mate

Genau wie Mate. Immer wieder nahm er mit seinem elektrifizierten Auto an Rennen teil und verbesserte es Schritt für Schritt. Seitdem hatte er seinen Traum verwirklicht. Entgegen allen Behauptungen, dass es in Kroatien – einem Land ohne jegliche Automobilindustrie – unmöglich wäre, hatte er ein komplett neues Elektroauto entwickelt. Keine kitschige, kleine Kiste mit vier Rädern, sondern etwas, das gleichzeitig Eleganz und Kraft ausstrahlte. Ein Objekt der Begierde. Es war für einige Jahre das schnellste Elektroauto der Welt.

Damit hatte er etwas äußerst Bemerkenswertes geschafft. Keiner der weltweit etablierten Hersteller, die zum Teil mehr Mitarbeiter hatten als Kroatien Einwohner, konnte das damals von sich behaupten. Masha spürte den ehrlichen Stolz, der unter Mates Zurückhaltung durchschimmerte. Er hatte sich durch harte Arbeit und Können Respekt verschafft.

Seine Mitarbeiter konstruierten und bauten nicht nur elektrische Hypercars in der eigenen Manufaktur von Hand. Sie entwickelten auch verschiedene Komponenten für Elektrofahrzeuge von etablierten Herstellern. Nicht selten im Luxus-Segment. Masha seufzte bei dem Anblick des alten, englischen und elektrifizierten Cabriolets, das einer amerikanischen Schauspielerin und ihrem Prinzen als königliches Hochzeitsauto gedient hatte. Ein perfekter Beweis, dass Technologie und Romantik sich nicht ausschlossen.

Nach all diesen Erfolgen war es nicht verwunderlich, dass ein deutscher Sportwagenhersteller sogar den Schritt gewagt und sich mit zehn Prozent in Mates Firma eingekauft hatte. Erstaunlich war jedoch, dass dieser charmante junge Firmeninhaber bei all dem Erfolg so bodenständig geblieben zu sein schien. Masha kam ins Grübeln. Hier hatte sie den Beweis, dass Erfolg nicht unbedingt auf Erfahrung basierte, sondern auf Leidenschaft und Beharrlichkeit. Vielleicht sollte sie eine eigene Firma aufbauen?

Es gab heutzutage so viele Möglichkeiten für Gründer. Vorausgesetzt, man hatte eine gute Idee, für die es einen Markt gab. Nicht zu vergessen, ein gutes Team. Ideen hatte sie ein paar. Reichte das? Sie hatte zwar Management studiert, doch qualifizierte das sie oder ihre Studienkolleginnen gleich als Führungskraft? Vielleicht war es auch besser, zuerst bei einer Firma oder einem Konzern Erfahrungen zu sammeln und diese dann in das eigene Startup einzubringen. Die nächsten Tage würden ihr hoffentlich Anregungen und Antworten liefern.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Lisbon

Nach der Ankunft in Lissabon ging sie vom Gepäckband direkt zur Registrierung. Sie hatte ein „Women in Tech“ – Ticket für die bevorstehende Technologiekonferenz. Es war ihr erstes Mal, doch davon gehört hatte sie schon viel. Verlaufen konnte man sich am Flughafen nur schwer. Überall standen hilfsbereite Personen – Studenten wie es schien – in einheitlichen T-Shirts und wiesen den Weg. Der Lissaboner Himmel war so durchwachsen wie ihre Gedanken.

Doch die Stimmung im großen Zelt vor dem Flughafeneingang war ansteckend. Frauen und Männer unterschiedlichster Nationen und Hautfarben unterhielten sich darüber, was oder wen sie in den nächsten drei Tagen auf keinen Fall verpassen wollten. Anzugträger und Jeanstypen verglichen die Zeitpläne, die sie in der App der Veranstaltung angelegt hatten. Es wurde diskutiert, gestaunt, geändert oder ergänzt.

Masha stimmte ihnen schweigend zu. Sie wusste noch nicht genau, was auf sie zukam. Zwar war sie spontan, wollte am Schluss aber auch ein Ergebnis sehen. Ohne Vorbereitung hätte sie sich von dem Angebot überfordert gefühlt. Schließlich wollte sie in den nächsten Tagen alle Möglichkeiten ausschöpfen, die ihr für die Zukunft weiterhelfen konnten. Sei es, Informationen zu bekommen, neue Erkenntnisse zu gewinnen oder ihr Netzwerk zu erweitern.

Die Konferenz selbst fand beim Park der Nationen nordöstlich des Stadtzentrums statt. Auf vierundzwanzig Bühnen würden über zwölfhundert Experten ihr Wissen zu unterschiedlichsten Themen teilen. Laut dem Lageplan befand sich die Center Stage in der Altice Arena. Die restlichen Bühnen waren verteilt auf die vier riesigen Hallen des Messegeländes gegenüber.

Darin stellten auch unzählige Inkubatoren, Acceleratoren, Firmen, Beratungsunternehmen, Konzerne und tausende Startups aus. Das Knifflige war, dass jedes Gründerteam sich jeweils nur an einem der drei Tage präsentierte. Somit war jeder der Tische jeden Tag neu besetzt. Kein Wunder, dass fast ebenso viel Investoren wie Startups erwartet wurden. Zusätzlich gab es Sessions mit Mentorinnen, für die sich Masha angemeldet hatte, und natürlich auch diverse Abendveranstaltungen. Viel schneller als erwartet erhielt sie ihr Badge und Armband an der Theke. Im Hintergrund musste eine riesige Helferarmee unterstützen.

Kurz darauf stieg sie in etwas, das sie an ein überdimensioniertes Spielzeug aus ihrer Kindheit erinnerte. Nur fortschrittlicher und eleganter. Es war eine Mischung aus Hubschrauber und riesiger Drohne. Aldos Überraschung war ihm mehr als gelungen. Während der Konferenz verdiente er sich ein paar Extra-Euros als Shuttle-Flieger für VIPs, die diesen extravaganten Service den Limousinen und überfüllten U-Bahnen vorzogen. Bei fast siebzigtausend erwarteten Teilnehmern gehörten die Straßen der Stadt den Taxis und Mitfahrfirmen. Die Verspätung von Mashas Flug deckte sich genau mit einer Lücke in Aldos Dienstplan, die sogar das zusätzliche Laden des elektrischen Fliegers abdecken würde.

Leise schnurrten die Rotoren, als sie senkrecht nach oben starteten und Richtung Süden abdrehten. Alles schien so einfach. Aldo hatte nur einen Joystick in der Hand. Kleine unsichtbare Computer hielten die Balance und sorgten für Stabilität, während die Stadt unter ihnen dahinglitt. Bald bräuchten die Passagiere auch keinen menschlichen Piloten mehr, der sie flog. In Zukunft würde das Gerät, das man per App anforderte, seine Ziele vollkommen autonom anfliegen, erzählte er.

Aldo war auch vor kurzem mit seinem Studium fertig geworden. Genau wie Masha überlegte er, was er als Nächstes tun sollte. Er hatte zwei interessante Angebote von Firmen. Alternativ könnte er bei dem Startup eines Freundes mit einsteigen. Aber zuerst wollte er für ein paar Wochen nach Indien, um auszuspannen. Auch nicht schlecht, dachte sich Masha. Nach einer knappen Viertelstunde ließ er sie mitten auf dem Rossio Platz aussteigen. Sie schmunzelte insgeheim. Fühlte sich so ein Star?

Als sie ihren Koffer im Apartment abstellte, überlegte sie kurz. Die Versuchung, einfach ins Bett zu gehen, um morgen fit zu sein, war groß. Für die Eröffnungszeremonie jetzt war es zu spät. Dafür hatten die Drohnen in London gesorgt. Etwas Hunger hatte sie allerdings auch und ein Glas Wein als Abschluss des Tages war nicht zu verachten. Aber sie kannte die Stadt noch nicht und alleine essen war nicht ihr Ding.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Lisbon wine barTrotz einer zweifelnden Stimme im Hinterkopf öffnete sie eine App, bei der sich allein reisende Geschäftsleute zu einem gemeinsamen Essen verabreden konnten. Kurz darauf fand sie sich in einer kleinen, gemütlichen Bar mit Ledersitzen im Restauradores-Viertel wieder. Das Fenster hinter ihr hing voller Schinken. In der deckenhohen Vitrine hinter der Theke warteten ausgewählte Weine darauf, probiert zu werden.

Ein Mitarbeiter, der wie der Barkeeper von Al Capone aussah, reichte ihr die hölzerne Karte und fragte nach ihren Vorlieben. Mit kurzem Blick auf ihren Nagellack empfahl er einen würzigen, einheimischen Wein. Dessen Geschmack war so vielschichtig wie sein Lächeln mit dem er ihn servierte.

Masha ließ den Geschmack von reifen Brombeeren und süßlich-herbem Kakao auf der Zunge zergehen, während sie auf eine Frau wartete, mit der sie bereits mehrere Dinge teilte. Anastasia war in der ehemaligen Sowjetunion geboren, fuhr Snowboard und arbeitete in der Technologie-Branche. Masha hatte ein gutes Gefühl und es verstärkte sich, als eine junge Frau eintrat und ihren fragenden Blick freudig bestätigte. Sie versprühte einen Hauch von Grace Kelly.

Anastasias elegantes Auftreten beruhte auf sehr bodenständigen Tatsachen. Denn ihr Herz gehörte einem ganz besonderen Hobby: der Luftakrobatik. Sie besuchte die Technologiekonferenz in Lissabon bereits zum zweiten Mal. Anastasia lachte, als Masha auf ihre High-Heels zeigte. Die trüge sie nur für besondere Anlässe. Für die vielen Kilometern, die sie jeden Tag zurücklegte, hatte sie ein Paar bequeme Schuhe. „Wie war dein erstes Mal bei der Konferenz?“, wollte Masha von ihr wissen.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model Anastasia„Am meisten inspiriert haben mich die Begegnungen und Gespräche mit anderen Frauen“, antwortete Anastasia.
Viele waren wie sie selbst in leitender Funktion tätig und deren Begeisterung hatte sie bestärkt. Frauen im Technologiebereich hatten es in der Hand, an die Spitze von Unternehmen zu gelangen. Sie stimmte Masha zu, dass die größte Hürde beim Besuch der Konferenz in der Planung lag.

Allerdings wurden alle Vorträge und Podiumsdiskussionen aufgezeichnet und online gestellt. Das machte es etwas einfacher. Denn oft diskutierten Experten interessante Themen zur gleichen Zeit auf unterschiedlichen Bühnen. Oder die Zeit zwischen Panels war einfach zu knapp und der Weg zu lang.

Als Marketing Direktorin war für sie ein wichtiger Aspekt, mit potentiellen Kunden in Kontakt zu kommen. Deswegen hatte sie ausgewählte Teilnehmer über die App kontaktiert und bereits diverse Termine vereinbart. Viele Startups arbeiteten mit Dienstleistern wie ihrer Software-Firma zusammen.

Insbesondere wenn es um die Integration von Lösungen für die Interaktion mit Kunden ging oder um Anwendungen, mit denen interne Prozesse digital abgebildet wurden. Ihre Firma zu beauftragen war oft einfacher, schneller oder in vielen Fällen auch kostengünstiger, als auf dem ohnehin stark umkämpften Markt die jeweils passenden Entwickler zu finden und einzustellen.

Bei einem Projekt ihrer Firma ging es darum, Menschen mit Behinderungen den Zugang zu Online-Diensten und Informationen auf Webseiten zu ermöglichen. Nicht jeder konnte sehen oder lesen, nicht jeder konnte über ein Keyboard oder eine graphische Bedienoberfläche Text eingeben. Masha erzählte von ihrem Gespräch mit Graham und Anastasia markierte sofort seinen Vortrag in ihrem Terminplan. Den wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Wie oft hatte man schon die Gelegenheit, live von einem preisgekrönten Experten zu hören, wie man die eigene Marke dem Kunden am besten schmackhaft machte? Am Ende des Abends lag Masha aufgeregt in ihrem Bett. Sie hatte nicht nur drei sympathische Menschen getroffen, sondern auch unerwartet Neues erfahren. Was würde die Konferenz erst bringen, wenn die Anreise bereits solche Begegnungen bereithielt?

Masha wachte voller Energie auf. Die meisten Regenwolken hatten sich über Nacht verzogen. Die Luft war erfrischend. Das Konferenzgelände zu finden war einfach. Es genügte, den lebhaften Menschenmassen in der U-Bahn zu folgen. Die erwartungsvolle Ausgelassenheit war ansteckend. In jedem Wagon markierte ein Aufkleber auf dem Plan die Station, an der sich das Konferenzgelände befand. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Lisbon

Lissabon schien gekapert von Gründern, Geeks und Geschäftsleuten. Ihre Füße dankten ihr jetzt schon für die Sneakers. Die Messehallen waren riesig und am Ende des Tages hatte sie wahrscheinlich einen Halbmarathon hinter sich. Die Gänge wurden voller. Wie viele Gründer hofften darauf, heute den großen Deal zu machen? Wie viele Investoren würden sich heute überzeugen lassen und das Risiko eingehen?

Die Energie war deutlich spürbar. Mittendrin sah Masha immer wieder Kinderwägen oder Männer und Frauen mit Babytragen. Die Stände bekannter Konzerne und IT-Giganten konnte man nicht übersehen. Viele andere Firmennamen las sie zum ersten Mal.

Sofort ins Auge fiel ihr der Stand von Lissabons Gründer-Community mit dem gelben, vergnügten Schriftzug. Die Technologie-Konferenz hatte seit 2016 in der Stadt Quartier bezogen. Dank der überzeugenden Unterstützung von hundertzehn Millionen Dollar durch die portugiesische Regierung würde sie dort auch für die nächsten zehn Jahre bleiben. Schon in drei Jahren war geplant, das Gelände zu verdoppeln.

Die Entscheidung gab der Startup-Szene sicherlich jede Menge Auftrieb und zog weitere Gründer von überall an. Das mochte wiederum dazu führen, dass große Firmen eine Niederlassung eröffneten, um sich ein Stück des Innovationskuchens zu sichern. Inspiration für Intrapreneure und Entrepreneure gab es auf dem Event genügend.

Ein Gründer sprach auf einer der Bühnen darüber, wie Lebensmittel vor der Vernichtung gerettet werden konnten. Weltweit wurde die unfassbare Menge von über einer Milliarde Lebensmittel pro Jahr weggeworfen. Ein Wert von etwa einer Billion Dollar. Masha war von dem Vortrag gleichzeitig schockiert und fasziniert. Das Konzept des Gründers war simpel: Restaurants, Cafés, Bäckereien oder Supermärkte wussten in etwa, was am Ende des Tages übrigbleiben würde und noch gut war, aber aufgrund von Auflagen entsorgt werden müsste.

Über die vorgestellte App konnten sie diese Waren zum Verkauf anbieten – zum halben Preis, um genügend Anreiz für Käufer zu bieten. Damit reduzierten sie nicht nur ihre Verluste, sondern betrieben gleichzeitig günstiges Marketing und unterstrichen ihre Nachhaltigkeit. Ein Punkt, der für eine wachsende Zahl von Käufern immer wichtiger wurde. Der Erfahrung nach kauften Nutzer der App beim Abholen der Ware oft noch etwas anderes. Nebeneffekt: Upselling.

Die App-Firma finanzierte sich über eine Transaktionsgebühr, die der Verkäufer zahlte. Die gezeigte, steile Wachstumskurve verwunderte Masha nicht im Geringsten. Es wurden neue Mitarbeiter für den Ausbau in Europa gesucht, unter anderem auch in Deutschland. Ob sie sich bewerben sollte? Spannend wäre der Job sicherlich und wer liebte nicht Essen?

Mode hingegen war für Masha nicht wirklich wichtig. Ganz abgesehen davon, dass ihr Budget im Moment auch keine Extravaganzen hergab. Doch das bedeutete nicht, dass ihre Kleidung nur aus Billigläden stammte. Sie achtete auf ein gepflegtes Aussehen: feminin, dezent und dabei einen Hauch verspielt. Die Schaufenster, an denen sie daheim ständig vorbeilief, mochten noch so verlockend für junge Frauen wie sie dekoriert sein. Doch beim Anblick der Preise musste sie immer an die herzzerreißenden Verhältnisse der Fabrikarbeiter denken. Ein Termin auf der Konferenz hatte daher ihr Interesse geweckt.

Die Modebranche hatte nach Öl und Gas den schädlichsten Einfluss auf die Umwelt. Recycling stand selten auf der Agenda und wenn doch, schien es oft mehr kosmetischer Natur für eine Marke zu sein. Zwei Italiener, deren Heimat wohl wie keine andere weltweit als Symbol für Mode stand, diskutierten über Nachhaltigkeit: eine Gründerin, die Firmen wie Gucci, Chopard, Stella McCartney oder Swarovski beriet, und der CEO einer Kunstfaserfirma.

Livia, hatte Masha im Vorfeld herausgefunden, war äußerst engagiert. Sie war Creative Director ihrer Firma und Mitbegründerin der von Annie Lennox ins Leben gerufenen Gruppe einflussreicher Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzten. Livia war UN Leader of Change, mit dem UN Fashion 4 Development Award ausgezeichnet worden und lange Jahre eine Oxfam Botschafterin gewesen. Sie sprühte vor Lebhaftigkeit und schien jeden Einzelnen der Zuhörer persönlich anzusehen.

Ein einschneidendes Erlebnis war 2008 ihr Besuch in Bangladesch gewesen. Den Anblick der Menschen, die wie Sklaven in den Fabriken arbeiteten, beschrieb sie als Hölle auf Erden. Ein Gefängnis, in dem es bei Gefahr oft keinen Weg nach draußen gab. In Pakistan waren Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt, da Fenster vergittert und zu wenig Notausgänge vorhanden gewesen waren.
Doch in den westlichen Ländern schienen Zustände wie diese die Kunden nicht zu berühren.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Fast Fashion based on exploitationDer Shoppingwut und permanenten Jagd nach Schnäppchen stand die Ausbeutung der Menschen dort nicht im Weg. Sie war zu wenig präsent, zu losgelöst von täglichen Leben der Käufer. Wie konnte man das ändern? Livia war überzeugt, dass Mode als einflussreiches Werkzeug für Veränderung dienen konnte. Kleidung gehörte zum täglichen Leben, jeder brauchte sie.

Warum also Mode nicht nutzen und darüber die Auswirkungen auf Umwelt sichtbar machen und soziale Gerechtigkeit erhöhen? Ihr Gesprächspartner Giulio gab ein Beispiel, wie das aussehen konnte. Bekanntschaften mit vielen einflussreichen Frauen und insbesondere Gespräche über Biomimicry hatten ihn zum Umdenken bewegt. Wo konnte man von der Natur als Vorbild lernen, anstatt immer neuen Erfindungen hinterher zu hecheln?

Bei gut einhundert Millionen Tonnen natürlichem und künstlichem Garn, die jährlich verbraucht wurden und nach einem kurzen, oft nutzlosen Dasein auf der Müllkippe oder im Meer landeten, war das bitter nötig. Wie verwandelte man in seiner Branche Abfall in ein Objekt der Begierde? Vor über zehn Jahren hatte seine Firma ein neues Garn entwickelt. Viele hatten ihn verrückt genannt.

Doch er hatte an die Idee glaubt und sein Team sich voller Elan an die Umsetzung gemacht. Was Masha besonders auffiel, war Giulios Bescheidenheit und ehrliche Anerkennung für die Menschen, mit denen er arbeitete. Das machte ihn nicht nur sympathisch, sondern auch glaubwürdig.

Dieses neue Garn war vollständig aus recyceltem Nylon hergestellt und war komplett wiederverwertbar. Er hielt ein Objekt in die Höhe. Es war ein Stück des Teppichs, über den einflussreiche Berühmtheiten wie Donatella Versace, Julianne Moore, Cate Blanchett oder Elle Macpherson und Cindy Crawford zu den Green Carpet Fashion Awards in die Mailänder Scala gelaufen waren.

Livia und ihre Firma arbeiteten eng zusammen mit der Nationalen Kammer für italienische Mode, die den Event veranstaltete. Der Award würdigte Personen und Firmen für besondere Leistungen in Sachen Nachhaltigkeit und Ethik. Besagter Teppich hatte ein zweites Leben als recyceltes Rohmaterial erhalten.

Giulio zog ein Stück Stoff aus der Hosentasche. Garn aus dem Granulat wurde für Bekleidung und Bademoden verwendet – oder erneut Teppiche. Stella McCartney hatte erst kürzlich einen Trenchcoat vorgestellt, der vollständig daraus hergestellt worden war. Über vierhundert Bekleidungsfirmen verwendeten das Garn bereits. Das Granulat fand sich aber auch in Brillengestellen wieder, ja sogar in 3D Druckern. Hatten die Endprodukte ausgedient, konnten sie erneut recycelt werden – hunderte Male. Anfangs war dieses Material noch teurer als ein neu hergestelltes. Wie also konnte man den Teufelskreis durchbrechen?

Livia war überzeug, dass zwei sich gegenseitig beeinflussende Dinge passieren mussten. Zum einen die Reduzierung des Konsums. Das konnte erreicht werden, wenn jeder Käufer – und damit meinte sie jeden Bewohner dieser Erde – sich seiner Verantwortung bewusst wurde. Denn ganz ehrlich, wie viele Kleider benötigte man wirklich?

Zum anderen ein Umdenken bei den Modefirmen. Langfristiger Erfolg wurde ihrer Meinung nicht nur durch Profitabilität, sondern auch durch nachhaltiges und ethisches Wirtschaften erreicht. Denn insbesondere letzteres würde immer stärkeren Einfluss auf die Wahrnehmung einer Marke haben. Gesetze zur Offenlegung der Lieferantenkette und den Zuständen darin waren nur bedingt wirksam. Für Firmen gab es immer noch Schlupflöcher. Strafen waren zu kalkulierbar. Livia rief ihre Mitmenschen zur Rebellion auf.

Fast Fashion war so ungesund wie Fast Food. Masha unterschrieb das sofort. Aber wie bei so vielen anderen Baustellen unserer Wohlstandsgesellschaft war die Umsetzung schwierig. Wie sollten Menschen mit Mindesteinkommen, die jeden Cent zweimal umdrehen mussten, erreicht werden? Oder Teenager, deren gestresste Eltern sie lieber zum Shopping schickten als in gemeinsame Spieleabende zu investieren? Die Diskussion rief ihr ins Bewusstsein, dass man nicht mit einem der erfolgreichsten englischen Schauspieler verheiratet sein musste, um etwas bewirken zu wollen; um Menschen zum Nachdenken anzuregen. Jeder konnte das das.

Nachhaltigkeit, soziales Engagement und Ethik waren Themen, die sie auch in der Konferenz-App als ihre Schwerpunkte angegeben hatte. Mit einem der Besucher, der sie kontaktiert hatte, traf sie sich auf einen Kaffee. Für Schweizer Verhältnisse ungewohnt, umarmte er sie zur Begrüßung. Dann strich er sich verlegen über den haarlosen Kopf.

Christoph strahlte eine Herzlichkeit aus, die sofort ansteckend war. Er arbeitete an etwas, das Masha persönlich stark berührte. Seine Stiftung wollte humanitäre Hilfe leisten. Christophs Augenmerk lag bedingt durch seine Erfahrungen als Verhandlungsführer in Krisenregionen auf jungen Flüchtlingen, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und Kriegsveteranen. Sein Ziel war, mit Partnern zusammen auf einer digitalen Plattform die weltweit besten Behandlungsmethoden für Menschen mit Traumata zu sammeln. Ergänzt werden sollte diese mit neuen Produktentwicklungen.

Nicht nur Kriege oder Naturkatastrophen konnten ein Trauma auslösen, auch sexuelle Übergriffe oder schwere Unfälle. Nur drei Prozent von traumatisierten Personen erhielten eine Behandlung. Die meisten der Betroffenen hatten keinen Zugang zu Hilfe. Entweder gab es in ihrer Region keine Anlaufstelle oder die Personen hatten sich bereits so stark von ihrer Umgebung isoliert. Wer sprach auch schon bei der Rückkehr in die Heimat über sein Trauma und riskierte das Stigma als Opfer?

Ohne Behandlung konnten Betroffene jedoch PTSD – Post Traumatic Stress Disorder – entwickeln, das sich auf vielfältige Weise bemerkbar machte: etwa mit Depressionen, teilweise so schwer, dass sie wie bei einem Fünftel amerikanischer Kriegsveteranen zu Selbstmord führten, oder Drogenproblemen. Aber auch Angstzustände, innere Unruhe oder Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Die Zahlen entsetzen Masha. Sie begann zu erahnen, was Jelena durchmachte. Wie oft hatte ihre Freundin erzählt, dass Leute auf der Straße ihrem Blick auswichen oder sich Freunde von ihr abgewandt hatten, obwohl sie trotz Rollstuhl noch dieselbe Person war. Es musste erdrückend sein, all das alleine zu verarbeiten. Denn wer wollte schon offen im Familien- oder Freundeskreis eine Schwäche eingestehen und noch mehr bemitleidet werden?

Mitleid verstärkte auf Dauer das Gefühl, ein Opfer zu sein. Christoph war überzeugt, dass es eine Lösung gab. Das Internet und Smartphones verbreiteten sich immer weiter, selbst in den Krisengebieten. Das mussten sie sich zunutze machen. Vielleicht konnte die physische Distanz, die das Internet darstellte, Betroffene eher ermutigen sich zu öffnen?

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model AnnaAuf der Konferenz fiel es Masha jedenfalls nicht schwer, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Im Gegenteil. Es war so einfach. Schon die Person vor oder hinter sich in der Schlange zu fragen, ob sie zum ersten Mal dabei war, genügte – oder über den Flair Lissabons und das angenehme Wetter zu schwärmen. An einem der vielen Essensständen hatte sie Anna kennengelernt.

Eine erfolgreiche junge Frau, die in Russland geboren war und dann ihr Herz in und an Lettland verloren hatte. Ein seltsamer Zufall. Als ob irgendetwas Masha genau zu dem Zeitpunkt an diesen Ort geführt hatte. Etwas an Anna strahlte Vertrauen und Sicherheit aus. Es war nicht nur ihre Größe oder die Brille, die Respekt zu fordern schienen.

Schnell fand Masha heraus, was es war. Anna beschäftigte sich mit einem der aktuell heißesten Themen – digitales Recht und Cybersecurity. In Riga fand jährlich sogar die größte Konferenz in der baltischen Region zu diesem Thema statt. Internet-Konzerne machten die Daten ihrer Nutzer zu Gold. Hacker stürzten sich auf Schwachstellen in IT-Systemen. Sie nutzten zur Wirtschaftsspionage oder für die Beeinflussung von Meinungen, was im schlimmsten Fall sogar zur Wahl eines mehr als zweifelhaften Präsidenten führen konnte. Kriege zwischen Staaten würden zukünftig online geführt.

Mit Cybercrime as a Service entstand bereits unter der Hand ein neuer Wirtschaftszweig. Die digitale Transformation und das Internet der Dinge – wie selbstfahrende Autos oder das bequem über Elektronik geregelte Smart Home – boten reichlich Angriffsfläche. Auswirkungen auf Privatsphäre und Wirtschaftskraft, ja sogar auf globale Machtverhältnisse waren fatal.

Besonders spannend fand Masha, dass Anna mit Studenten der juristischen Fakultät Rigas und angehenden Gründern oder Startups arbeitete, um sie auf Gefahren und Lösungen aufmerksam zu machen. Es war so inspirierend zu sehen, dass graue Eminenzen in den Hörsälen Konkurrenz von intelligenten jungen Frauen bekamen. Alter und Geschlecht waren schließlich nicht direktproportional zu Können und Fachwissen. Masha kannte einige Frauen in München, die das bewiesen. Doch Deutschland hatte in dieser Hinsicht noch einiges aufzuholen.

Mit dem Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung war viel Unsicherheit entstanden. Bei Startups ebenso wie bei mittelständischen Firmen oder großen Konzernen. Gleichzeitig stiegen die Bedrohungen durch Hacker. Trotzdem war die Wichtigkeit von Cybersecurity in vielen Führungsebenen noch nicht wirklich angekommen. Anna würde sich in den nächsten Jahren nicht über Unterbeschäftigung beschweren können.

Programmieren hatte zwar nicht unbedingt zu Mashas Lieblingsfächern gezählt. Recht auch nicht. Trotzdem könnte sie sich eine Tätigkeit in diesem Bereich vorstellen. Schließlich gab es Projekte, die zu managen oder Workshops, die zu halten waren. Das Gespräch mit Anna machte ihr wieder bewusst, dass es trotz – oder gerade wegen – ihres jungen Alters Bereiche gab, in denen sie qualifizierter war als mancher Firmeninhaber oder Konzernchef. Denn im Gegensatz zu ihnen war sie mit Internet und Mobiltechnologien aufgewachsen. Cybercrime – das klang nach Detektivarbeit und Nervenkitzel. Warum nicht mehr darüber herausfinden und welche Jobs es dort gab?

Einen unerwünschten Nervenkitzel erlebte sie abends nach der Konferenz. In der U-Bahn war sie auf ein paar Bayern aus München gestoßen, die schon seit mehreren Jahren nach Lissabon kamen. Masha ließ sich überreden und fuhr mit ihnen zum Essen in die Markthalle in der Altstadt am Fluss.

Ingrid war genau wie sie zum ersten Mal dabei. Sie plante eine Innovationsveranstaltung am Tegernsee, die sich an mittelständische und kleinere Unternehmen im Umland richtete. Neue Ideen kamen nicht nur von Konzernen mit Geld und Startups könnten auch auf dem Land erfolgreich wachsen. Ingrid hatte sich keine feste Agenda zusammengestellt. Sie wollte sich treiben und einfach inspirieren lassen. Annette hatte schon zwei Startups gegründet und war seit kurzem bei dem Innovationslab einer Schweizer Firma tätig. Sie war hauptsächlich auf der Suche nach vielversprechenden Startups, bei denen eine Investition Sinn machte.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Lisbon food.Es war ein lustiger Abend und Masha genoss die Gesellschaft. Ein Gespräch war wirklich tierisch interessant. Anja arbeitete an Lösungen mit einem Animal-Centered Design. Das waren etwa Sicherheitsboxen für Hunde im Auto oder schalldämmende Kopfhörer für den Vierbeiner im Restaurant. Ein sympathischer Ansatz, denn Hunde waren sehr sensibel.

Diverse geteilte Gerichte später zog die Gruppe weiter in einen der bekanntesten Clubs der Stadt. Es war einer DER Treffpunkte für Teilnehmer der Konferenz um abzufeiern. Doch Masha wollte sich nicht die Nacht auf der Tanzfläche um die Ohren schlagen und machte sich auf den Heimweg. Lieber hätte sie noch irgendwo in Ruhe etwas getrunken und sich unterhalten. Frische Luft konnte auch nicht schaden.

Vor der Markthalle fand sie einen Elektroroller. Den Namen der Firma hatte sie im Konferenzprogramm gelesen. Der Roller ließ sich ganz einfach über das Scannen eines QR-Codes mit der entsprechenden App mieten. Am Rossio stellte sie ihn wieder ab. Es war kurz vor Mitternacht, der Platz fast menschenleer.

Aus dem Nichts kamen zwei junge Männer in schwarzen Kapuzenpullis auf sie zu. Einer hatte weißes Pulver an der Nase. Ihr schwante Übles. Sie ging schneller, ignorierte die zwei. Doch die beiden folgten ihr. Ihr Herz pochte. Hasch, Kokain oder Ecstasy – alles was sie für eine Party bräuchte. Verdammt günstig. Masha stoppte abrupt und drehte sich um. Bei ihr wären sie an der falschen Adresse. Aber die zwei ließen sich nicht so leicht abwimmeln.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model Luis

Erst als von rechts ein Mann kam und fragte, ob alles in Ordnung war, verschwanden sie im Schatten der angrenzenden Gebäude.
Luis war Portugiese und hatte für solche Landsleute nicht das Geringste übrig. Ihn umgab eine charmante Ruhe, obwohl er einen langen Tag hinter sich hatte. Deswegen war er auch froh, gleich in sein Hotelbett zu fallen. Am nächsten Tag würde er wieder tausende von Kaffeespezialitäten zubereiten.

Luis war Barista-Ausbilder bei einer portugiesischen Kaffeefirma. Es schien, als ob er sich dafür entschuldigen wollte, dass er sie nicht früher vor diesen Kerlen beschützt hatte. Er bestand darauf, sie in eine Ginjinha-Bar gleich gegenüber einzuladen. Der landestypische, süß-klebrige Likör aus Sauerkirschen beruhigte ihre Nerven tatsächlich. Und Luis brachte sie auf andere Gedanken. Er kannte viele lustige Anekdoten. Wer behauptete, es gäbe keine Schutzengel?

Am nächsten Tag waren die üblen Typen längst vergessen. Lissabon begrüßte sie mit strahlend blauem Himmel. Masha widerstand der Versuchung, eine zweite Portion Pastel de Nata in der warmen Sonne zu vernaschen. In einer Stunde hatte sie den Termin mit einer Mentorin. Außerdem war ihre Neugier zu groß. Was würde sie heute auf der Konferenz erfahren? Wem würde sie begegnen?

Bei den Bayern, die sie gestern gleich in ihre WhatsApp-Gruppe integriert hatten, gab es schon Pläne für mittags und den Abend. Das konnte sie sich immer noch überlegen. Sie fand es aber auch reizvoll, noch andere, neue Leute kennenzulernen. Wozu sonst fuhr man ins Ausland? Vor ihrer Mentoring-Session war noch Zeit für einen Kaffee. Überrascht sah sie ein bekanntes Gesicht hinter der Theke.

„Hey Luis, gut geschlafen?“, fragt sie. Ein junger Mann in einem schlechtsitzenden, zerknitterten Anzug hinter ihr war verwundert, dass die beiden sich kannten. „Wie kann man den charmantesten Barista denn nicht kennen?“, lachte sie. „Der ist ja richtig kunstvoll gemacht“, hörte sie den Typ wieder, als Luis ihr den Cappuccino reichte. „Nicht nur“, zwinkerte Luis ihr zu, „auch liebevoll.“ Masha strahlte. Wenn der Tag schon so begann, was könnte da schon schief gehen?

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Lisbon. BaristaDie Konferenz tat ebenso viel dafür, dass sich Frauen willkommen fühlten. Über die Women in Tech Initiative wurden sie speziell gefördert. Eine Umfrage hatte ergeben, dass fast neunzig Prozent der befragten Frauen die Gesellschaft in der Verantwortung sahen, ein Gleichgewicht im Technologieumfeld zu schaffen. Diese Verantwortung schienen die Veranstalter ernst zu nehmen.

Vergünstigte Tickets waren ein Beispiel. Einige hielten das für unfair den Männern gegenüber. Doch fast zwei Drittel Frauen hatten das Gefühl, stärker unter Druck zu stehen, um sich und den Wert ihrer Arbeit zu vermitteln. Dazu gehörte auch die Zustimmung vom Chef, an so einer Konferenz auf Firmenkosten teilzunehmen. Der Umfrage zufolge hielten sich dreiviertel der Frauen in ihrer Position am Arbeitsplatz respektiert. Allerdings glaubte nur die Hälfte, dass ihre Arbeitgeber genug für Gleichberechtigung taten.

Irgendwie passten die Zahlen nicht hundertprozentig zusammen, fand Masha. Die Konferenz förderte auch den Austausch von Frauen untereinander. In den sozialen Medien gab es eigene Gruppen. Masha nutze die Plattformen allerdings selten und war daher nicht sehr aktiv in der Community.

Während der Konferenz gab es die Möglichkeit, sich mit einer Mentorin zu treffen. Dafür hatte sich Masha sofort nach Erhalt der E-Mail eingetragen. Ihr Glück. Denn diese persönlichen Gespräche waren schnell ausgebucht gewesen. Wie viele Frauen wohl so eine Chance bekamen?

Alle Mentoring-Sessions wurden von einem Reiseportal gesponsort. Fast jeder in ihrem Bekanntenkreis buchte darüber Hotelzimmer oder Ferienwohnungen. Geführt wurde die Firma von einer Frau, die als fünfte Mitarbeiterin im Unternehmen angefangen hatte. Masha nutzte das Portal nicht ausschließlich. Genau wie die allgegenwärtige App, die fast alles, was das Herz begehrte, innerhalb eines Tages nach Hause lieferte. So bequem diese Apps auch waren, sie hatten doch enorme Auswirkungen auf kleine Anbieter.

Mashas Mentorin arbeitete seit über zwei Jahrzehnten in der Technologiebranche. Alex, deren Alter sich schlecht schätzen ließ, hatte verschiedenste Erfahrungen in ihrem Berufsleben gemacht – als Angestellte und die letzten Jahre in ihrer eigenen Firma. Oft war sie eine der ganz wenigen, wenn nicht sogar die einzige Frau in einem Projekt oder Team gewesen. Sie war überzeugt, dass fehlende Vielfalt in Teams oder Unternehmen die häufigste Ursache von Schwierigkeiten war. Dabei ging es ihr aber um mehr als nur die Unterscheidung zwischen Frau und Mann.

Diversity war vielschichtig. Da war die Persönlichkeit eines Menschen. Dann kamen Geschlecht, Alter, Herkunft, Volkszugehörigkeit und physische Ausprägung oder Einschränkung. Externe Einflüsse wie Kultur oder Religion, Familienstand und ob man Kinder hatte, Aussehen, Einkommen und Bildung, aber auch in welchem Land man lebte, wirkten prägend. Ergänzt wurde das Ganze durch berufliche Verhältnisse wie der Bereich, in dem man tätig war, welche Verantwortung man trug, der Erfahrungsschatz und welcher Hierarchie-Ebene man angehörte. Aber auch, ob man in der Gewerkschaft war und an welchem Ort man arbeitete.

Einfach betrachtet machten Frauen den größten Anteil an der Gruppe, in der es keinen weißen Männer gab, aus. Deswegen lag eben ein großer Fokus auf Frauen. Weltweit gesehen waren Firmen in Europa in Sachen Gleichstellungsrichtlinien führend. Auf dem amerikanischen Kontinent gab es die meisten weiblichen CEOs, in Asien hingegen die meisten Frauen als Chef im Finanzsektor.

„Wie kann ich dich unterstützen?“, wollte Alex wissen. Masha erzählte ihr, dass sie unschlüssig war, was ihre Karriere anbelangte: eine Festanstellung suchen oder doch lieber etwas Eigenes auf die Beine stellen? Alex gab keine Empfehlung ab. Dafür kannten sie sich zu wenig. Es kam auch kein lapidares „folge deiner Leidenschaft“. Stattdessen riet sie zu einer Analyse, bei der man sehr ehrlich zu sich selbst sein musste.

Es ging nicht nur darum, die eigenen Stärken richtig einzuschätzen oder herauszufinden, wofür das Herz schlug. Denn bei allem Idealismus waren zwei Sachen ebenso wichtig: was brauchte die Welt wirklich und womit konnte man Geld verdienen. Diese vier Aspekte bildeten den Kern der japanischen Lebensphilosophie Ikigai. Masha hatte schon davon gehört. Es hieß, die Philosophie war einer der Hauptgründe für ein glückliches, langes und erfülltes Leben. Doch wie anfangen?

Mit einem weißen Blatt Papier, lachte ihre Mentorin. Ein guter Start war, die eigenen Stärken und Schwächen aufzulisten. Denn was man selbst als Schwäche ansah, konnte sich unter Umständen als Stärke erweisen und umgekehrt. Es kam immer auf die Situation oder Aufgabe an. Als nächstes würde helfen aufzulisten, welche Arbeit sie sehr gerne tat und was ihr zuwider war und warum. Manches, was man nicht gerne tat, hatte man vielleicht bisher nur zu selten gemacht. Im Berufsleben würde es immer wieder Dinge geben, gegen die man eine Abneigung hatte. Die Frage, was man aus der Tätigkeit lernen oder zu wem man Kontakt bekommen könnte, half der Motivation auf die Sprünge.

Antworten auf die anderen zwei Aspekte waren nicht ganz so leicht zu finden und erforderten etwas Marktrecherche. War das Produkt oder die Lösung, für die man brannte, schon von einer Firma umgesetzt worden? Gab es dort freie Stellen? Wenn ja, konnte man sich mit der Arbeitsethik und Kultur im Unternehmen identifizieren? Oder gab es jemand, der an einem ähnlichen Projekt arbeitete und eine Mitgründerin suchte? Wenn nicht, gab es für die Idee einen Markt, den man mit einem eigenen Unternehmen erobern konnte? Doch ein Startup zu gründen war nicht nur cool und en vogue.

Es ging nicht darum, vom Schein zum Sein zu kommen, wie manche Blender es so einfach darstellten. Selbstsüchtige Alphatierchen, die auf Kosten ihrer Mitarbeiter erfolgreich wurden, Kunden wie Jünger um sich scharten und von ihnen wie Rockstars gefeiert wurden, waren auch keine guten Vorbilder. Sie verzerrten eher die Vorstellung. Am Anfang war Gründen vor allem eins: harte Arbeit mit wenig oder gar keinem Einkommen. Das wusste Masha aus ihrem Freundeskreis.

Ein Startup zu gründen hatte Auswirkungen auf den Lebensstandard und das persönliche Umfeld. Familien und Freunde konnten die größten Unterstützer, aber auch die größten Zweifler sein. Letzteres wog doppelt schwer, da man bei Rückschlägen nicht nur die Idee, sondern auch das eigene Können in Frage stellte. Es war auch nicht jeder dazu geboren, Verantwortung für andere zu tragen und Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen zu treffen. Der Erfolgsdruck war hoch, erforderte Stärke und Ausdauer. Ein Team, das sich ergänzte und gut zusammenarbeitete, war unerlässlich.

Die Festanstellung in einem Unternehmen bedeutete immerhin geregelte Arbeitsstunden und ein fixes Gehalt. Eine dauerhafte Sicherheit gab es dort aber auch nicht. Manche Firmen stellten Mitarbeiter in Teilzeit an und unterstützten sie in der verbleibenden Zeit bei der Umsetzung ihrer Idee. Gründen mit Sicherheitsnetz. Masha hätte sich gerne noch länger unterhalten. Die Zeit war viel zu schnell vergangen. Alex gab ihr eine Visitenkarte mit Telefonnummer. Sie war noch bis morgen in Lissabon. Ihr Angebot klang ehrlich. Masha hatte fast das Gefühl, eine neue Freundin gefunden zu haben. Vielleicht sollte sie sich wirklich noch einmal mit ihr treffen?

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model LucianAuf dem Weg zum nächsten Vortrag lief ihr Lucian über den Weg. Die Messehallen waren so voll wie am Tag zuvor. Wie hoch war da die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf einen Rumänen stieß, den sie vor zwei Jahren kennengelernt hatte? Es war eine kleine Konferenz in Bonn gewesen. Masha erinnerte sich daran, wie er ihr immer die Tür aufgehalten hatte. Sein Elan war so ansteckend wie damals.

Inzwischen hatte Lucian sein drittes Startup gegründet und stellte hier aus. Es ging um finanzielle Unabhängigkeit. Etwas, das Millenials wie ihnen beiden wichtig war. Seine App ermöglichte es Nutzern, ganz unkompliziert Geld anzusparen. Es war wie ein digitales Konto, nur anders.

Wenn man über die App bei einem der mehreren hundert Partner einkaufte, erhielt man einen Bonus auf das Konto. Bei anderen Einkäufen mit Kreditkarte konnte man auch den zu zahlenden Betrag aufrunden. Die Differenz ging dann automatisch auf das Konto. Zusätzlich konnte man jederzeit einfach so Geld überweisen, sogar einen Dauerauftrag einrichten. Wenn man die App einem Freund empfahl, erhielt man ebenfalls einen Bonus.

Das klang wirklich sehr einfach. Es wunderte Masha nicht, dass seine App fast vierzigtausend Nutzer hatte. Nach Rumänien wollten Lucian und seine Mitgründer in England, Deutschland, Polen und natürlich USA auf den Markt gehen. Gleichzeitig entwickelten sie das Produkt weiter, damit Nutzer in Kleinbeträgen das angesparte Geld investieren konnten. Gespräche mit einem der weltweit größten Finanzdienstleister führten sie bereits. Woher nahm er nur die Energie?

Die nächste Session in ihrem Zeitplan drehte sich um die Frage, wie Startups in Europa schnell wachsen konnten. Was waren die Erfolgsfaktoren? Wie kam man an Kapital? Investmentsummen in USA waren nicht selten deutlich höher als in Europa. Aber musste man deswegen den Hauptsitz gleich ins Silicon Valley verlegen?

Einer der Experten auf der Bühne hatte in Barcelona eine Firma für die Buchung von Geschäftsreisen gegründet. In vielen großen Unternehmen was das noch ein Zeitfresser. Reisen wurden oft über Urlaubsportale gebucht und die Mitarbeiter mussten jedes Mal überprüfen, ob der entsprechende Flug, die Zugfahrt, das Hotelzimmer oder der Mietwagen innerhalb der Richtlinien ihres Arbeitgebers lagen. Die Plattform von Avi löste ein echtes Problem auf einem Markt, der über eine Milliarde Euro wert war.

In seinem System wurden alle Geschäftsreisen zentralisiert. Reisende konnten nur das buchen, was auch den Richtlinien ihrer Firma entsprach. Kosten waren übersichtlich, Daten einheitlich, Reisepläne auf Knopfdruck verfügbar. Das hatte Investoren überzeugt. Über vierzig Millionen Euro hatte Avi für seine Firma bereits eingesammelt. Ein Großteil davon kam von europäischen Geldgebern. Grundsätzlich saß bei denen das Geld nicht so locker wie bei amerikanischen Kollegen. Schließlich gab es in Europa die Hürde der unterschiedlichen Sprachen, was mehr Entwicklungsaufwand, längere Zeiten für die Marktdurchdringung und damit ein höheres Risiko bedeutete.

Deshalb fielen Investments in Europa meist konservativer aus. Ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Silicon Valley war jedoch, dass es in Europa verhältnismäßig viele Entwickler vor Ort gab. Sie kannten den Markt und sprachen die Landessprache oder zumindest Englisch. Ansonsten waren die Lebenshaltungskosten ein zusätzliches Lockmittel. Avi bot neuen Mitarbeitern sogar kostenlose Spanischkurse an. Arbeiten in Barcelona? Warum nicht! Die Stadt hatte schon immer einen gewissen Reiz für Masha gehabt.

Weniger reizvoll fand sie die Vorstellung, Urlaub im All zu machen. Etwas, an dem die Firma eines exzentrischen Briten arbeitete. Im Vorbeigehen hörte sie, wie auf einer der größten Bühnen das Nachmittagsprogramm vorgestellt wurde. Es ging um zukünftige Mobilitätslösungen. Dann sah sie Mate am Rand stehen und winkte ihm zu. Er nickte lächelnd zurück. Wahrscheinlich hielt er gleich seinen Vortrag.

Masha wollte schon weitergehen, doch ein Satz aus den Lautsprechern ließ sie innehalten. Ärzte in Schottland konnten seit wenigen Wochen alternativ zu Medikamenten ein Rezept für Spaziergänge in der Natur ausstellen. Die Gesundheitsbehörde war überzeugt, dass dies Bluthochdruck, Diabetes, Herzkrankheiten und Panikattacken, ja sogar psychische Erkrankungen lindern konnte.

Es war ein alternatives Heilmittel für Patienten allen Alters. Gerade ältere Personen oder behinderte Menschen waren in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Das konnte zu Depressionen oder Schlimmeren führen. Masha dachte wieder an Jelena.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Nature as a remedy

Zukünftige Mobilitätslösungen mussten diese Gruppe unbedingt mitberücksichtigen. Denn in zehn Jahren würde laut UN fast jeder Fünfte auf der Erde dazugehören. Entwickler sollten bei Innovation an diese eineinhalb Milliarden Menschen denken. Das war wichtiger als Roboterhunden das Tanzen beizubringen oder was noch heftiger war: ihnen anzutrainieren, sich einem Menschen in ihrem Weg zu widersetzen. Die Natur als Heilmittel. Das konnte sich Masha sehr gut vorstellen.

Nach jeder Wanderung in den Bergen oder Spaziergängen am See fühlte sie sich voller Energie. Es war, als ob man ein inneres Fenster öffnete und die frische Luft den Körper von dicken Staubschichten befreite. Probleme schienen lösbarer. Die Weite über den Berggipfeln ermutigte zu neuen Blickwinkeln und ließ sie in größeren Dimensionen denken. „Nature your soul“ klang nach einem guten Slogan. Doch wofür?

Masha ging nach draußen, um auf den Stufen zur Arena ein paar Sonnenstrahlen einzufangen. Langsam kam ihr eine Idee. Am liebsten würde sie die sofort mit jemand besprechen. Sollte sie anrufen? Sie wollte nicht aufdringlich wirken. Hätte sie doch nur ein Gänseblümchen zur Hand. Schließlich zog Masha die Visitenkarte aus der Tasche und rief an. Nach ein paar Minuten hatte sie eine Verabredung mit Alex.

Neben ihr ruhte sich eine Frau aus. Sie hatte kaum noch eine Stimme. Masha bot ihr eine Halspastille an. Ihr Tag wäre vollgepackt mit Terminen gewesen, erzählte Olesia. Eines ihrer Highlights war auch die Mentoring-Session. Es überraschte Masha nicht im Geringsten, dass Olesia aus Russland stammte. Irgendwie schien ihr Kompass seit der Ankunft in Lissabon darauf geeicht zu sein.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Role model OlesiaIhre Landsfrau war für strategische Partnerschaften eines sozialen Unternehmens verantwortlich, das von drei Frauen gegründet worden war. Sie hatten heute einen Stand bei den Startups. Enorm viele Besucher interessierten sich für ihre Arbeit: Projekte und Dienstleistungen für Waisenhäuser und Schulen in aller Welt, vor allem in ländlichen Gegenden.

Eines der Projekte war eine Plattform, über die Lehrer ihre Schüler weltweit mit anderen Schülern zusammenbringen konnten. Eine Kombination aus Lernen und Brieffreundschaft. Über fünfzigtausend Teilnehmer von Schulen aus achtzig Ländern waren aktuell in der Online-Community.

Schüler erlernten eine Sprache, lösten Rätsel oder erfuhren, was es beispielsweise mit Robotik auf sich hatte. Sie arbeiteten gemeinsam an Projekten und führten Debatten über Themen wie Menschenrechte, Kunst, Religion, Umweltschutz und Globalisierung. Fragen zu stellen, Erörterungen zu schreiben oder Artikel zu kommentieren war mehr als gewünscht. Der Austausch half dabei, andere Länder und Kulturen kennenzulernen. Masha hielt dies für ein wunderbares Konzept, um kritisches Denken und Sozialkompetenz zu fördern. Zwei Dinge, die in der digitalen Welt wichtiger denn je waren. Wie viele Schüler aus Russland wohl schon über die Plattform lernten?

Abends traf sie sich mit Alex am Rossio. So konnten sie sich nicht verfehlen. Denn die Bar, zu der ihre Mentorin wollte, lag mitten in den vielen kleinen Gassen des Bairro Alto. Alex hatte den Club vor ein paar Jahren entdeckt. Sie kannte den Besitzer, der immer einen guten Gin und einen freien Platz für sie hatte. Die Nacht war mild und sie entschieden sich für einen Tisch draußen vor dem Fenster.

Mit einer Decke im Rücken und einem portugiesischen Gin Tonic in der Hand ging die Mentor-Session in die zweite Runde. Nach all den Eindrücken der letzten zwei Tage war ein Gedanke in Masha gereift. Sie wollte Jelena helfen. Sie erzählte Alex von ihrer Freundin. Wäre es abwegig, ein Gerät zu entwickeln, mit dem sich Behinderte oder ältere Menschen freier als im Rollstuhl bewegen, ja sogar wieder wandern konnten? Masha berichtete von den Ärzten in Schottland und den eineinhalb Milliarden älteren Menschen, die es in zehn Jahren weltweit geben würde.

Alex dachte kurz nach. Die Venture-Wiege eines südkoreanischer Automobilherstellers arbeitete bereits an einem Konzeptfahrzeug: Ein Ultimate Mobility Vehicle, das sowohl auf der Straße fuhr als auch in steinigem Gelände „ging“. Mehr Details konnte sie noch nicht preisgeben. Sie war zur Verschwiegenheit verpflichtet. Der Gedanke war also nicht allzu weit hergeholt.

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. Lisbon night life.„Wie würdest du ein Startup gründen?“, wollte Masha wissen. Eine tiefgreifende Frage, die noch eine Runde Gin Tonics erforderte. Es gab viele Aspekte zu berücksichtigen. Meinungen von potentiellen Nutzern einholen. Was hielten sie von der Idee? Welche Funktionen sollte das Gerät haben?

Nicht jeder ging wandern. Nicht jeder, der gern wanderte, wollte hunderte von Höhenmetern auf Wegen, die Trittsicherheit erforderten, zurücklegen. Wie viel würde es kosten, so ein Gerät zu entwickeln? Wie viel durfte es im Handel kosten? Wie waren die Vertriebswege? Lief das über Krankenkassen oder wäre es vergleichbar mit einem Autokauf?

Konnte Masha das Gerät selbst entwerfen? Bräuchte sie einen Designer und jemanden mit tiefgreifenderem Technikwissen? Das könnten Mitgründer sein oder alternativ eine externe Firma als Entwicklungspartner, die möglicherweise auch gleich investierte. Wie groß war der Markt heute und welchen Anteil an potentiellen Käufern konnte man im ersten Schritt und insgesamt erreichen? In welcher Region der Welt und mit welchem Aufwand? Welches Geschäftsmodell war am ehesten zielführend? Alles selbst entwickeln oder Partner für einzelne Teilbereiche suchen?

Etwas schwieriger war die Frage, ob jemand bereits an einem sehr ähnlichen Konzept arbeitete. Elektrisch betriebene Rollstühle gab es schon. Sogar eine Konstruktion, bei der zwei Elektrofahrräder miteinander verschweißt worden waren. Es gab auch Geräte für den off-road-Einsatz. Steinige und steile Wanderwege wären dennoch nicht machbar. Masha erinnerte sich an die vielen Gipfel in den Dolomiten. Der Autohersteller aus Südkorea war nah dran, aber nicht nah genug.

In Österreich gab es eine Firma, die elektrische Fahrzeugkonzepte für schwieriges Terrain entwickelte. Etwa für Weinbauern an Steilhängen. War es sinnvoll, zuerst ein Patent anzumelden? Käme eine der beiden Firmen als Entwicklungspartner in Frage? Masha dachte an Mate. Doch seine Projekte bewegten sich in Preisklassen, die nicht zu dem Portemonnaie der Zielgruppe passten.

Es gab viele Fragen, die auf Antworten warteten. Alex versprach, sie auch weiterhin zu unterstützen. Schließlich war das erst der Anfang. Sollte sich die Idee als marktfähig erweisen, mussten Investoren gefunden und Partner im Eco-System gewonnen werden. Was Masha bis dahin noch nicht gewusst hatte: Alex investierte frühzeitig in Gründer mit nachhaltigen Lösungen und Geschäftsmodellen. Startups, die das Zeug zum Small Giant hatten.

In ihrer letzten Nacht in Lissabon hatte Masha einen Traum. Sie war mit Jelena in Südtirol. Von dem kleinen Hotel in Klausen konnte man direkt auf die umliegenden Berge wandern. Ihr Ziel war der Gipfel oberhalb einer Wallfahrtskapelle in den östlichen Sarntaler Alpen. Es war der entscheidende Test für ihr neues Gerät.

Menschen mit Behinderung aus der ganzen Welt hatten zur Entwicklung beigetragen. Um die Online-Plattform dafür hatte sich Anastasia gekümmert. Bei der Produktentwicklung hatten sie besonders auf Nachhaltigkeit geachtet. Das Gestell und die Polster waren komplett aus recyceltem Material gefertigt. Alle Antriebsteile hatten ein Ethik-Zertifikat für die gesamte Zulieferkette. Wie bei einem Elektrofahrrad gab es verschiedene Modi. Jelena konnte in unterschiedlichen Stufen per Hand mitarbeiten oder sich einfach „gehen“ lassen.

Es war eine Mammut-Tour von acht Stunden mit steilen Streckenabschnitten und Geröllfeldern. Selbst im Traum schienen Mashas Muskeln immer stärker zu brennen, je näher sie ihrem Ziel kamen. Doch ihre Freundin war voller Energie. Kurz vor dem Gipfel posierte ein Murmeltier für sie. Eine Standing Ovation der Natur?

The Journey - A micro novel on sustainability and diversity in technology. South Tyrol and Dolomites

Die Dolomiten breiteten sich in unzähligen Schichten vor ihnen aus. Jelena war überwältigt. Tränen der Freude liefen ihr über die Wangen. Wie weggeblasen war ihre anfängliche Skepsis. Endlich sagte sie Masha zu, als Mitgründerin den Vertrieb zu übernehmen. Wer wäre besser als sie geeignet?

Abends gingen sie in den urigen Keller des kleinen Hotels zum Essen. Der Hausherr überraschte sie mit einer Mammut-Pizza und einer Flasche Riserva der Bozener Benediktinerabtei. Eine Belohnung für das, was sie erreicht hatten. Er war selbst begeisterter Bergsteiger und sogar auf einem Achttausender gewesen.

Nach dem letzten Limoncello fragte Jelena: „Meinst du Livia kommt, wenn du sie zum Launch-Event einlädst? Die Location, die wir im Auge haben, müsste doch genau nach ihrem Geschmack sein.“

Masha lächelte. „Gut möglich. Immerhin ist es von Milan nach Südtirol nicht weit. Dann bräuchten wir nur noch Mates Luxuslimousinen für den Shuttle-Service.“

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2020-07-21T06:51:27+00:00