Bedroht durch Veränderung

06.03.2016

Die Autoren von Projekt Black Hungarian skizzieren eine dramatische Verschwörung gegen saubere Mobilität. Aber könnte die tatsächlich wahr sein?

Alle in der Automobilbranche, Hersteller und Zulieferer gleichermaßen, reden miteinander. Auf allen Ebenen. Die ganze Zeit. Das ist kein Geheimnis, jeder in der Branche weiß das.

laurel-speedway-502113_1920Es ist eine Branche mit tief verwurzelten Traditionen und geheimen Codes und Gepflogenheiten, die sich in über einem Jahrhundert gefestigt haben. In dieser Zeit wurden hin und wieder ein paar Elektrofahrzeuge entworfen und gebaut, die aber schnell zugunsten der ölindustriefreundlichen Variante verdrängt wurden und wieder in der Versenkung verschwanden.

Innovation ergab sich oft aus der Raumfahrt. Dann tauchten Vorboten in einer informationsgetriebenen Ära auf und erforderten eine neue, wenn auch bedachte Reaktion. Forschungsbüros wurden im Silicon Valley eröffnet, um die Sonderlinge im Auge zu behalten und ein paar öffentlichkeitswirksame Projekte zu starten. Das Leben war gut und die Computer-Jungs wurden in Schach gehalten. Hardware war immer noch die Währung. Software hatte nur einen kleinen und langsam steigenden Anteil – bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dann wurde klar, dass die wachsende Anzahl und Komplexität von Steuergeräten, bedingt durch immer mehr Funktionalität und externe Geräteintegration, auch eine intelligentere Steuerung der Software-Versionen nach sich zog. Diese neue Herausforderung versetzte die Branche in Aufruhr und wurde von einem weiteren Ereignis verstärkt: das iPhone infizierte die Kunden und schuf mit atemberaubender Geschwindigkeit einen Wettkampf, um bei der Integration der stetig wachsenden Menge an elektronischem Spielzeug Schritt halten zu können.

Sieben-Jahres-Zyklen kollidierten mit sechsmonatiger Zyklen. Sicherheitsbedingte Null-Fehler-Anforderungen trafen auf kostengünstigstes Bauteil. Aber das Spiel hatte begonnen. Auch jüngere Kunden fingen an, ihre Kaufentscheidungen nicht nur nach PS Stärken sondern nach Zusammenspiel mit den neuesten Gadgets auszurichten. Und als ob das noch nicht genug wäre, zeichnete sich schon die nächste Bedrohung am Horizont ab. Aber war das, was sich da zusammenbraute, eine echte Gefahr, die den Kunden elektrisieren würde? Oder war es nur ein kleines Ärgernis, verursacht durch die Hollywood gehypten Wasserstoff-Autos, den ersten Erfolg bei reichen Roadster Pionieren und dem japanischen Streben nach einem umweltfreundlichen erschwinglichen Familienauto?

Mit mehr als einem Feigenblatt begann Nissan vom Klimawandel überzeugte Kunden zu erobern. Tesla startete die Verfolgung der Luxus-Klasse mit einem Fahrzeug, das alle Begehrlichkeiten des neuen Jahrhunderts bediente. Aber die neue Mobilität musste sich erst noch beweisen und der Club der alten Garde warf, als Zeichen des guten Willens und gezwungen von Klimaschutzzielen, ein paar Alibi-Spieler aufs Feld, mit denen sie die durchschnittlichen CO2 Emissionen ihrer durstigen und schmutzigen Flotte senken konnten. Einige Hersteller taten dies mehr als andere, aber alle riefen (und rufen immer noch) nach Unterstützung seitens der Regierung, um ihnen die Last der Veränderung tragen zu helfen.

Altlasten

DSCN3597Betrachtet man die Abschreibungszeiträume für Fertigungsanlagen, sieht man die Belastung: 25 bis 40 Jahre sind kein Kinderspiel für das Controlling. Kein Wunder, dass fähige Ingenieure an der kurzen Leine gehalten werden und sich dann mit liebevoller Hingabe der Effizienzsteigerung vorhandener Antriebskonzepte widmen dürfen, um den Verbrauch von Verbrennungsmotoren tropfenweise zu verringern. Ihre Leistungen werden bei Auto-Shows ausgestellt, wie wertvolle Exponate in einem Museum. Die Belohnung für die Ingenieure? Beförderung zum Leiter der Turbodiesel-Abteilung.

Doch Motorleistung steht nicht nur für Ego, sondern auch für Ergebnis. Die Gewinnmargen der hubraumstarken Premiumhersteller liegen zwischen 10 bis 20 Prozent im Gegensatz zu mickrigen 2 bis 5 Prozent im Massenmarkt-Segment. Porsche verdient im Durchschnitt schätzungsweise 23.000 Euro pro Fahrzeug, Fords Langzeit Bestseller F-150 bringt knapp 10.000 Euro. Kein Wunder also, dass die Industrie ihre Luxus und SUV-Modelle pusht oder bestehende Plattformen um neue Fahrzeuge erweitert. Der Autosalon in Genf war 2016 erneut der Beweis für die Gigantomanie der Industrie, die nur zum Teil dem derzeit niedrigen Gaspreise geschuldet ist.

Nach der neuesten Umfrage von KPMG unter den Chefs der Automobilindustrie liegen die Prioritäten für Investitionen in zwei Bereichen: Förderung des Marktwachstums in den aufstrebenden Märkten und Downsizing oder Optimierung der Verbrennungsmotoren. Immerhin liegt die Entwicklung von Brennstoffzellen-Elektrofahrzeugen auf Platz fünf, für batteriebetriebene Elektrofahrzeuge jedoch nur auf Platz neun.

Dennoch glaubt die Branche, dass Hybridantriebe dank der zu erwartenden Nachfrage der Verbraucher der zielführende Weg sind. Tatsächlich? Wer hätte gedacht. Hybrid-Fahrzeuge haben auf dem elektrischen Antrieb noch eine Verbrennungsmaschine huckepack, damit die altmodische Industrie keine radikal neuen Fahrzeugkonzepte entwickeln muss. Sie glauben, wenn sie nur laut Reichweitenangst genug rufen, wird das reichen, um den Status Quo zu erhalten. Denn es steht eine Menge auf dem Spiel für die traditionelle Automobilindustrie. Elektroautos benötigen weitaus weniger Teile für den Antriebsstrang. Was würde das für all die eifrigen Ingenieure bedeuten, die an der Effizienz von Verbrennungsmotoren feilen? Nicht zu vergessen das Ersatzteilgeschäft mit seinen hohen Profiten und den Reparatur- oder Service-Werkstätten, die einen starken Rückgang sehen würden. Umweltauflagen schnüren einen weiteren engen Knoten, der es der Industrie schwerer macht zu atmen.

Neue Bedrohung

Die letzten zwei Jahrzehnte zeigen, dass die Automobilindustrie gleichzeitig mit mehreren Veränderungen konfrontiert wird. Änderungen, die von Branchen getrieben werden, die mit einer um ein vielfaches höheren Drehzahl laufen oder von neuen Unternehmen ohne Altlasten. IT-Giganten wie Google und Apple lassen ihre Muskeln spielen, wenn es um die steigende Nachfrage nach Daten geht. Reiche Chinesen wie LeEco Gründer Jia Yueting investieren über Firmen wie Faraday Future oder das Joint Venture mit Aston Martin in den Bau von elektrisch betriebenen und autonom fahrenden Autos. Alibabas Automotive-Sparte setzt seine riesigen Datenmengen über das Kaufverhalten ihrer Kunden für intelligente Elektrofahrzeuge von Kandi Technologies Group ein, für seinen Joint-Venture-Partner Geely, der Volvo gekauft hat, und für Car-Sharing-Dienste wie Uber. Das gesamte Geschäftsmodell, Autos an Kunden zu verkaufen, scheint im Fundament erschüttert zu werden. Doch es kann dauern, bis sich neue Geschäftsmodelle durchsetzen und dies kann bis zu einem gewissen Grad beeinflusst werden.

Eine große Forderung nach Veränderung kommt auch von der Gesetzgebung in Form von Obergrenzen für den CO2-Ausstoß. Doch was ist die häufigste Reaktion auf drohende Veränderung? Aufschieberitis. Was im Fall von Volkswagen zu dem unglaublichen Ausmaß an Betrug führte. Aber war es wirklich eine Überraschung, als der Volkswagen-Skandal bekannt wurde? Ja und nein. Ja, da die meisten Verbraucher naiv sind und glauben wollen, dass ihnen die Wahrheit über Produkte gesagt wird. Nein, denn es im Lauf der Geschichte gibt es genügend Beweise, dass Veränderung nicht ohne Aufwand passiert und Gier ist ein schlechter Ratgeber in solchen Zeiten. Daher war es absehbar, dass andere Automobilhersteller wie Daimler von staatlichen Umweltbehörden und öffentlichen Organisationen unter die Lupe genommen werden.

Schmierige Geschäfte

pump-jack-848300_1280Der andere Markt, der durch den Vormarsch von Elektrofahrzeugen stark betroffen sein wird, ist die Ölindustrie. Aktuelle Nachrichten zeigen, dass dieses Imperium sich in Stellung bring, um zurück zu schlagen. Die Koch-Brüder sind bereit, die Portokasse einer neue Organisation jährlich mit rund 10 Millionen US-Dollar zu füllen, um verstärktes Marketing für Erdöl zu finanzieren und staatliche Subventionen für Elektrofahrzeuge zu bekämpfen. Reichweite und Ladeinfrastruktur sind notwendige Voraussetzungen, um sauberer Mobilität zum Erfolg zu verhelfen. Teslas internationaler Ansatz über das Model S gepaart mit dem schnell wachsenden Netzwerk von Superchargern bietet schon heute eine Lösung für das Henne-Ei-Problem, wenn auch noch eine kostspielige. Falls andere Hersteller mit einem ähnlichen Konzept folgen oder Tesla ihr Netzwerk für sie öffnet, könnte sich der Wind schnell drehen. Es scheint, dass die Öl-Dynastie nun aufgewacht ist und die bisher als Verrücktheiten abgetanen Elektroauto-Aktivitäten ernst nimmt.

Mit Blick auf den Volkswagen-Skandal und die Initiative der Koch-Brüder ist es erschreckend zu sehen, wie nahe die fiktive Organisation BIRD an der Wahrheit dran ist. Es bleibt abzuwarten, wie viel näher die Realität der Fiktion aus Projekt Black Hungarian noch kommt.