Diversity Natives Speakers Night #2

Event Bericht

von Thuna Dinh und Sabine Kennel 

Am 25. Juni versammelten sich trotz der heißen Temperaturen über 70 Startup-Enthusiasten im Münchner Büro von Google zu einem noch heißeren Thema: die Geheimnisse von Startup-Investoren.

Die zweite Diversity Native Speakers Night begann mit einem Fireside-Chat von toughen Frauen: Mila Cramer, Investment Manager bei Project A, Daria Saharova, Partnerin bei Vito One, und Britta Muzyk-Tikovsky, Gründerin von Capscovil und Diversity Natives. In der Einleitung haben wir gelernt, dass neben dem Industriesektor, in dem sich das Startup befindet, auch der Reifegrad des Startups und seiner Idee bei Suche nach Investoren eine Rolle spielen: Verschiedene Arten von Venture Capital Firmen (VCs) finanzieren Startups in verschiedenen Phasen.

Early Stage bis Series A

Während Project A hauptsächlich in Seed- und Serien-A-Stage Startups im digitalen Bereich investiert und dies bisher für 45 Startups getan hat, steigt Vito One oft noch früher ein und hat bisher in 20 Start-ups in der PropTech-Industrie investiert.

Im Laufe der Diskussion ergänzte Britta Muzyk-Tikovsky, eine leidenschaftliche Verfechterin von Diversity mit all ihren Facetten, die bis dahin rein finanzierungsorientierte Diskussion um einen weiteren Aspekt: das Potenzial für mehr Diversity unter den Gründern.

Das „Gründungsgeschäft“ ist de facto ein Spiel unter Männern, sozusagen eine klassische Männerdomäne. Angehörige von Minderheiten und Frauen sind in diesem Bereich wieder einmal unterrepräsentiert. Der Prozentsatz der Gründerinnen ist deshalb so niedrig, da es an Vorbildern mangelt und Berichten zufolge immer noch zu wenig Frauen einen Abschluss in naturwissenschaftlich-technischen Bereichen machen.

Der moderne Investmentmarkt wird hauptsächlich von technologischen Innovationen dominiert, was für Frauen oft eine Eintrittsbarriere darstellt, so Mila. Darüber hinaus sind Innovationen rund um frauenzentrierte Themen für viele männliche Investoren oft weniger greifbar, weshalb weniger in diese Themen investiert wird. Obwohl sie bereits seit einiger Zeit in der Finanzbranche tätig gewesen war, erlebte Daria als Gründerin selbst, wie Kollegen ihr „feines Strumpfhosen“-Geschäftsmodell ablehnten und feststellten, dass „Strümpfe nicht sexy“ seien.

Diese Meinung war für die männlichen Kollegen triftiger Grund genug, um trotz des soliden Geschäftsmodells damals nicht in ihr Startup zu investieren. Nach Darias Beobachtung werden Männer sehr oft nach ihrem Potenzial beurteilt, während bei Frauen es ihre bisherigen Leistungen sind. Und da Frauen in den Verhandlungen tendenziell konservativer und weniger selbstbewusst sind als Männer, ist es nicht verwunderlich, dass von den ohnehin schon wenigen GründerInnen ein großer Teil schließlich wieder ausstieg, schloss Daria.

Chancen für Diversity

Wenn man das derzeitige einseitige Geschlechterverhältnis mal außen vorlässt, gibt es einen zentralen Vorteil für mehr Diversity insgesamt bei Startups und im Investmentbereich: Es ist nicht ein einzelner der vielen Diversity-Aspekte, es ist die Idee, die zählt. Die beiden Investoren waren sich einig, dass das Geschäftsmodell und sein Potenzial die wichtigsten Aspekte sind.

Ihre Entscheidung als Investor sei unabhängig von Geschlecht und ethnischen Aspekten, versicherten sie dem Publikum. Ein Bereich, in dem es Verbesserungspotenzial gibt, liegt in der Führungsebene der VCs. Bei Projekt A gibt es fünf Partner, von denen alle männlich sind. Es wird jedoch versucht, diese Verzerrung auszugleichen, indem Personen aus verschiedenen internen Gruppen in die Diskussion einbezogen werden.

Worauf Investoren Wert legen

Mila und Daria teilten schließlich ihr Geheimrezept, um einem Investor erfolgreich für sich zu gewinnen: Neben einem soliden Business Case ist eine frühzeitige „Kundenmeinung“ sehr nützlich. Auf der einen Seite kann damit das Geschäftsmodell zu besser validiert werden und auf der anderen Seite können Meinungen und Rückmeldungen anderer aus dem Familien- und Freundeskreis helfen, den richtigen Eindruck beim Investor zu hinterlassen. Gründer sollten auf die granularen Unterschiede in ihrer Umgebung achten. Im Gespräch mit einem VC gilt: sei klar, sei präzise und sei mutig in deiner Vision, aber wahrheitsgemäß.

Ein Sahnehäubchen sind zum Beispiel gemischte und vielfältige Teams, da bekannt ist, dass diese besser abschneiden. Mila und Daria empfehlen den Gründern ausführlich zu recherchieren, welchen VC sie an Bord nehmen möchten. Nicht nur der VC steckt mit den Gründern in der Partnerschaft fest, sondern auch umgekehrt. Ein VC mit entsprechenden Visionen und Werten zu finden, ist das Geheimnis einer langjährigen erfolgreichen Beziehung, sagen sie.

Series A und Later Stages

Der zweite Fireside-Chat wurde von Christiana Bukalo, Transformation Manager Corporate Development bei Joyn, moderiert. Gemeinsam mit Dr. Anne Kreile, Investment Associate bei Unternehmertum Venture Capital (UVC) Partners, und Ulrich Seitz, Managing Director bei BayWa r.e. Energy Ventures, teilten sie ihre Tipps bei der Investition. Da beide VCs in einer späteren Phase investieren – hauptsächlich in Technologie bzw. Energie/E-Mobilität, ist der Fokus auf die Idee noch wichtiger.

Es geht um die Markttauglichkeit des Produkts und den Nachweis der Marktfähigkeit, sagte Ulrich. Seine wichtigsten Faktoren für Investitionsentscheidungen sind das Ertragspotenzial und genügend hohe Barrieren, um Wettbewerber am Markteintritt zu hindern. Im Idealfall wird ein Wachstumspotenzial von 10x angestrebt (wie passend, dass die Speakers Night im „10x“ Raum von Google in München stattfand). Ein flexibles Team, das ergänzende Fähigkeiten mitbringt, sollte jedoch nicht unterbewertet werden.

Diversity im Team

„Ein Verkäufer im Team ist keine Notwendigkeit, wird aber sehr geschätzt. Unser Geschäft funktioniert, weil wir relativ früh investieren, um es später zu einem viel höheren Preis zu verkaufen. Wir sind täglich mit Risiken konfrontiert, daher kann es, wenn der richtige Verkäufer involviert ist, einen Unterschied machen“, erklärte Ulrich.

Laut dem Geschäftsführer bringt ein starker Verkäufer Erfahrung, sein Netzwerk und seine Kontakte mit und sollte in der Lage sein, schnell die richtige Tür zu öffnen. Überraschenderweise ist seiner Meinung nach Extrovertiertheit kein Muss. Da der Fokus auf weibliche Gründer auf dem Markt sehr stark ist, schaut er auch gezielt nach von Frauen gegründete Startups, da dies bei der Vermarktung des Startups sehr hilfreich sein kann. Aber auch hier sind die Idee und die Umsetzung wichtig und nicht das Geschlecht.

In Übereinstimmung mit dem ersten Fireside-Chat bestätigte Anne, dass bei UVC Diversity kein entscheidender Faktor für Investitionen in Startups ist. „Wir sind uns bewusst, dass das Thema Diversity in unserem Geschäft zu kurz kommt, und nutzen daher das Ökosystem von UnternehmerTUM, um dies anzugehen.“ UVC unterstützt aktiv Initiativen, unter anderem „Women.Start.Up“ von UnternehmerTUM, die potenzielle Gründerinnen mit Workshops, Insights und Netzwerken unterstützen.

Über den Tellerrand schauen

Darüber hinaus erhalten die Mitarbeiter von UVC Diversity-Schulungen. Obwohl bei den BayWa r.e. Energy Ventures Diversity nicht offiziell auf der Tagesordnung steht, setzen sie sich intern mit dem Thema auseinander: Vielfalt in die Diskussion und in den Prozess einzubringen, ist laut Ulrich das Ausschlaggebende. „Die Vielfalt in dem, was und wie die Teammitglieder denken, macht sie komplett“, fügte er hinzu.

Er berichtete von der Erfolgsgeschichte der BL!XT-Gründerin Charlotta Holmquist, Unternehmerin des Jahres 2019 und Mutter von drei Kindern. BL!XT ist ihr 6. erfolgreiches Startup. Für die BayWa r.e. Energy Ventures war es sehr positiv, dass Charlotta nicht nur über viel Erfahrung verfügt, sondern auch ihre Kinder und all ihre Geschäfte gut unter einen Hut bringt.

Als letztes empfahlen Anne und Ulrich, im Gespräch mit Investoren zuversichtlich in Bezug auf das Ziel und die Marktgröße zu sein. Vor allem Frauen sollten ihre Ideen oder ihr eigenes Potenzial nicht unter den Scheffel stellen. Vertretbare Argumente und eine solide Kalkulation sollten vor dem Meeting sorgfältig vorbereitet werden. Aber – Lügen ist ein absolutes No-go.

Langfristige Beziehung in Europa

Zum Abschluss lud Britta Muzyk-Tikovsky alle Speaker zu einer Podiumsdiskussion ein, um realistische Erwartungen zu setzen. Gründer sollten sich darüber im Klaren sein, dass VCs aktive Partner sind, was bedeutet, dass sie nicht nur Sitze im Beirat fordern, sondern auch eine gewisse Anzahl persönlicher Gespräche, um sicherzustellen, dass das Gründer-VC-Tandem für alle gut funktioniert.

Während Projekt A und UVC bei der operativen Unterstützung mit einer Riege von Experten helfen, fungieren Vito One und BayWa r.e. Energy Ventures mehr als Sparringspartner und bieten Zugang zu Netzwerken, potenziellen Partnern und Kunden sowie Talenten. Zuletzt standen alle Speaker für Fragen zur Verfügung.

Was ist der Unterschied zwischen VCs in Deutschland und Europa im Vergleich zu anderen Ländern? Die Prozesse sind im Wesentlichen die gleichen. Es scheint jedoch, dass in Europa das frühe Feedback des Marktes und das Geschäftsmodell der Startups noch wichtiger sind als in den USA. Auch wird mehr auf potenzielle Konflikte geachtet als anderswo. Alle stimmten Daria zu, dass Europa ein fantastischer Nährboden ist, wenn es um das Startup/VC-Tandem geht. Als deutsches oder europäisches Startup, das nach VCs sucht, müsste man also nicht gleich über den großen Teich schauen.

VC als einzige Lösung?

Wenn ein/e Gründer/in eine Idee hat und nicht gut darin ist, das Startup zu präsentieren, könnte dies ein großes Hindernis sein. Denn der VC wird bezweifeln, dass diese Person das Produkt erfolgreich am Markt platzieren kann, wenn sie sich nicht selbst an den VC verkaufen kann. In diesem Fall kann es helfen, vor Familie und Freunden zu pitchen und gewissenhaft zu üben, aber vor allem authentisch zu sein.

Ulrich hat in dieser Diskussion auch einen wichtigen Punkt angesprochen: Nicht bei jedem Startup – egal in welcher Phase – ist ein VC die einzige Lösung. Es gibt auch Alternativen, nach denen man suchen kann. Wenn jedoch ein VC mit an Bord geholt werden soll, gibt es einen Punkt, in dem sich alle Speaker einig waren: Controlling und regelmäßige Berichterstattung müssen ein wesentlicher Bestandteil des Geschäfts sein.

Sketch Note by Sabine Kennel - world-of-kensa - summarizing the 1st Diversity Speakers' Night

Über Diversity Natives

Diversity Natives ist eine Initiative von Capscovil Gründerin Britta Muzyk-Tikovsky. Ziel ist, Innovation zu stärken, indem Vielfalt und Integration in Technologie und Wirtschaft gefördert werden. Weitere Informationen darüber, wie Sie sich als Unternehmen, Sponsor, Botschafter oder Community-Mitglied engagieren können, finden Sie auf der Website. Senden Sie uns auch gerne direkt eine E-Mail.

Credits

Sketch Notes: World of Kensa
Editor und Fotos: Verena Braun
Thuna Dinh
Thuna DinhAutorin
Sabine Kennel
Sabine KennelCo-Autorin
2019-07-09T16:21:40+00:00