Fallstudie
Gelesen im Harvard Business Manager:

Erneut eine interessante Fallstudie. Wie ist das soziale Engagement eines Firmenchefs, das aus persönlicher Betroffenheit heraus geboren wurde und in die Arbeitsweise des Unternehmens eingreift, zu beurteilen?

Firma oder Familie – Was ist wichtiger?

Der Chef eines Fahrradherstellers will das soziale Engagement seines Unternehmens darauf konzentrieren, ein Heilmittel gegen die Krankheit seiner Tochter zu finden. Die Mitarbeiter sollen dafür sogar auf einen Teil ihrer Boni verzichten. Handelt er im Sinne seiner Firma? Diskutieren Sie mit.

Lesen Sie hier die Fallstudie beim HBM

Unser Leserkommentar gegenüber dem Harvard Business Manager:

„Das übergeordnete Ziel von Gino Duncan, die Bekämpfung der Krankheit VSS zu unterstützen, ist ehrenwert. Nicht selten ist es doch so, dass jemand in irgendeiner Weise persönlich betroffen ist -durch Familienangehörige, Freunde oder Bekannte – und sich daraufhin verstärkt sozial engagiert.

Aus dem Blickwinkel der Geschäftswelt könnte der in der heutigen Zeit oft bemühte „Share Holder Value“ eine Erweiterung hinsichtlich sozialer Belange gut vertragen. Es sollte beim SHV nicht nur um die kurzfristigen Ertragsziele des Unternehmens gehen, sondern auch um die immer mehr hervorgehobene „Nachhaltigkeit“. Dies nicht nur im Sinne von schonendem Umgang mit natürlichen Resourcen, sondern auch mit Hinblick auf die Auswirkungen in der Gesellschaft. Dazu sollten Leistungen zur Bekämpfung von Kranheiten und Missständen oder zur Unterstützung von Vorsorge/Vorbeugung nicht außer acht gelassen werden.

Der Wert, den eine Firma für ihre Anteilseigner erwirtschaftet, läßt sich nicht nur in harter Währung darstellen – selbst wenn niemand aus der Belegschaft direkt von dem Engagement der Firma profitiert. Es geht auch darum, welcher Nutzenanteil für die Gesellschaft erbracht wird.
Die erwähnte Krankheit VSS wird zwar als recht selten dargestellt, dies bedeutet jedoch nicht, dass sich niemand darum kümmern sollte. Wie oben erwähnt, engagieren sich oft die am intensivsten, die persönlich eine Verbindung dazu haben.

Der Konflikt in dieser Fallstudie ergibt sich jedoch aus der Gesamtkonstellation. Gino Duncan hat die Firma ursprünglich gegründet und fühlt sich anscheinden nach wie vor als Eigentümer, obwohl sie in eine AG umgewandelt wurde.

Ohne die rechtliche Lage beurteilen zu können, stellen sich folgende Fragen

  • ist Duncan nach US Gesetz überhaupt in der Lage, so eine Veränderung eigenständig zu entscheiden?
  • benötigt er neben der Hauptversammlung noch die Zustimmung des Aufsichtsrats?
  • ist der Schwenk in der Ausrichtung des Unternehmens – die Verwendung der erwirtschafteten Gewinne grundsätzlich und dauerhaft zu ändern – so gravierend (und ggf. sogar fast schon als willkürlich anzusehen), dass dies z.B. eine Änderung des Gesellschaftsvertrags nach sich zieht?

Daher ist das geschilderte Vorgehen moralisch fragwürdig. Selbst wenn rechtliche Bedenken vom Tisch sind, hat die Firma auch eine Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern. Denn die Entscheidung könnte einerseits innerhalb der Firma zu vermehrten Krankeitsfällen oder sogar Kündigungen führen. Andererseits könnten sich z.B. die Kunden von der Firma abwenden. Der Chef könnte nicht als wohltätiger Macher, sondern als Egoist, der durch den Fokus auf seine privaten Probleme das Wohl der Firma und deren Mitarbeiter riskiert, gesehen werden. Besonders, wenn das „Ride for Live“ Programm speziell aufgrund seiner eigenen Ziele eingestellt wird. Weniger Kunden und weniger verkaufte Fahrräder könnten dann zu Mitarbeiterkündigungen führen. Dieses Risiko darf Gino Duncan nicht eingehen. Damit wäre niemandem geholfen. Das Vorhaben kann nur dann erfolgreich sein, wenn auch die Mitarbeiter dahinter stehen. Das wiederum werden sie tun, wenn sie sehen, dass sich die Firma ihrer Probleme ebenfalls annimmt.

Frau Bridget ist hier in einer echten Zwickmühle, muss jedoch wohl oder übel in den sauren Apfel beißen, das Gespräch mit den Chef suchen und die Risiken aufzeigen. Als Personalchefin muss sie die Bedenken und gesundheitlichen Belastungen der Mitarbeiter ernst nehmen. Gleichzeitig wäre es sinnvoll, Vorschläge zur Minimierung der Risiken zu machen:

  • Einbeziehung der Mitarbeiter in Entscheidung mit Wahlmöglichkeiten:
    • Abstimmung darüber, ob und wieviel % der Boni für den guten Zweck gehen
    • Abstimmung darüber, ob alternativ zum Bonus auch Zeit (Überstunden, Urlaubstage) vom Mitarbeiter freiwillig investiert werden kann (evtl in den zusätzlichen Erhalt der „Ride for Life“ Kampagne, weitere Events wie bspw Versteigerung etc bei denen Geld für die Forschung gesammelt wird)
  • Andere Möglichkeiten, um weitere Gelder zu sammeln (Auktionen, Charity-Veranstaltungen wie Firmenball etc) -> Umfrage bei Mitarbeitern, die sicherlich auch die ein oder andere Idee haben
  • Ein weiteres Engagement pro Jahr, für das die Mehrheit der Mitarbeiter stimmt, welches nicht mit VSS zusammenhängt. (Fortführung des „Ride for Live“ Programms oder etwas neues)
  • Gründung einer separaten Einheit (Stiftung, Verein etc), die sich auf das geplante Engagement fokussiert, um eine faktische Trennung vom Unternehmen zu erzielen.

Vielleicht würde sich für Frau Bridget hier sogar die Möglichkeit ergeben, diese Stiftung zu leiten, wenn sie dies denn wollte?“

Autor
AutorBritta Muzyk