Fachartikel

22. November 2013

Mit einer deutlich geringeren Ausstellerzahl von 479 gegenüber etwa 700 im Vorjahr könnte der Erfolg der eCarTec Munich 2013 in Frage gestellt werden. Gespräche mit den Ausstellern ergaben jedoch dank der 12.000 Besuchern, die fast ausschließlich vom Fach waren, ein positiveres Bild. Gut angenommen wurde der sogenannte LiveDrive. Neben Schaufensterregionen, Komponenten- und Infrastruktur-Zulieferern und vereinzelten Fahrzeugherstellern war auch Ungewöhnliches von Nischenanbietern zu sehen.

VirtoDas „Virto“ der niederländischen Firma M-Products beispielsweise ist für den industriellen Einsatz oder im Großgelände geeignet und bietet mit seinen drei Rädern eine hohe Stabilität. Im Sicherheits- und Rettungsbereich wird es bereits von Polizeikräften in Canada und den USA eingesetzt. Der unter der Standfläche verbaute Batteriekasten bietet Platz für bis zu drei Module, die den Strom an den 1200 W starken Nabenmotor am Frontantrieb liefern.

Chebela

Konzept eines urbanen Elektroautos (links Goran Ognjanović, rechts Marijan Kotnik)

Konzept eines urbanen Elektroautos (links Goran Ognjanović, rechts Marijan Kotnik)

Die Firma Oprema Ravne beweist mit ihrem „die Biene“ genannten Chebela-Konzept, dass in Slowenien Entwickler mit Herz arbeiten. In den Jahren der Wirtschaftskrise wurde bei dem Entwickler und Hersteller von Fertigungslinien nach alternativen Geschäftskonzepten gesucht. Dabei entstand ein rein elektrisches Fahrzeug der Klasse L7E für maximal 4 Insassen, das zusammen mit Partnern wie dem Institut Metron, Sistemi INES und der Fachhochschule Kärnten umgesetzt wurde. Mit einem 5,5m kleinen Wendekreis ist es speziell für den urbanen Einsatz konzipiert. Das Carbon verstärkte Aluminium-Chassis mit Batteriefach im Boden ist bereits für Radnabenmotoren mit einem nominalen Drehmoment von 280 Nm ausgelegt. Dank einer Crashbox aus einem Aluminium-Carbonfaser-Compound widersteht es Schäden bei einem Aufprall von bis zu 15km/h. Bei dem Konzept wurde neben einem 10kW Onboard-Lader auch bereits die Kommunikation zu Umgebungsnetzwerken und weiteren Fahrzeugen berücksichtigt. Konventionellen Herstellern könnte Konkurrenz aus der kleinen mitteleuropäischen Republik davonfliegen, wenn finanzkräftige Partner mit dem großen Honigtopf kommen.

eTukTuk

Voll elektrisches "fun-flavoured" Fahrzeug

Voll elektrisches „fun-flavoured“ Fahrzeug

Ein weiteres ungewöhnliches, aber nicht minder erfolgversprechendes Geschäftsfeld wurde von einem amerikanischen Umweltaktivisten etabliert. Im Gegensatz zu dem, mit einem umweltfeindlichen 2-Takt-Motor ausgestatteten, asiatischen Cousin fährt das eTukTuk mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50km/h bis zu 85km weit rein elektrisch. Es eignet sich besonders für den Einsatz in Urlaubsresorts, im Sightseeing-, Service- oder Logistikbereich und für Aktivitäten im lokalen Umfeld. Aktuell gibt es drei Varianten, die entweder für drei oder sechs Passagiere (Classico/Limo) oder Transportzwecke (Cargo) ausgelegt sind. Die Fahrzeuge verfügen über die europäische Fahrzeugzulassung und versprechen neben günstigen Betriebskosten von 2 ct/km auch niedrige Wartungsaufwände

Formula Student

Team MunichMotorsport

Das PWe4.13 ist das erste elektrische Rennauto des Vereins Munich Motorsport

Mit E.motion Rennteam (Hochschule Aalen), Munich Motorsport (Fachhochschule München), Cat Racing (Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg), Running Snail (Hochschule Amberg-Weiden) und Schanzer Racing Electric (TH Ingolstadt) stellten fünf Vereine ihre Fahrzeuge aus dem Bereich des elektrifizierten Rennsports vor. Die Zahl der industriellen Sponsoren jedes einzelnen Rennteams zeigt, wie wichtig studentisches Engagement im Forschungs- und Entwicklungsbereich ist. Die angehenden Akademiker sind nicht nur aufgrund des Fachkräftemangels für Firmen attraktiv. Gerade die Praxiserfahrung in komplexen Projekten wie der Formula Student fördert den schnellen Einstieg in die Berufswelt und macht die studentischen Rennprofis zu begehrten Kandidaten. Eine der größten Herausforderungen liegt im Wissenstransfer, da das komplette Team nur ein Jahr lang zusammenarbeitet und dann die Erfahrungen an die Nachfolger übergeben muss.

eCarTec Award

Wie bereits in den vergangen Jahren wurde der eCarTec Award am ersten Abend im Rahmen der Night of eMotion verliehen. In sieben verschiedenen Kategorien waren 21 Firmen nominiert. Eine neunköpfige Jury bewertete nach wissenschaftlichen und technischen Kriterien sowie Aspekten der Vertriebsleistung / Marktimpuls, Nachhaltigkeit, Sicherheit, Innovation, Engineering / Design, Umsetzbarkeit, Realisierungsgrad, Wirtschaftlichkeit.

Prof. Dr. Josef Nassauer von Bayern Innovativ GmbH überreichte den Preis in der Kategorie Antriebstechnologie, Systemelektrik, Testsysteme an die Firma Webasto Thermo & Comfort SE für den HVH – Hoch Volt Heizer, dessen Leistung ist im Bereich von 0,2 bis 5 kW stufenlos regelbar ist. Bei Batteriespannungen zwischen 250-450 V ist dank patentierter Schichtheiz-Technologie ein Einsatz ohne Leistungsverlust möglich.

Dr. Christian Cornelissen von VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut GmbH zeichnete die RWTH Aachen für ihr Crash-aktives modulares Batteriesystem mit dem Preis im Bereich der Speichertechnologie, Systemintegration aus. Das Design des Batteriesystems, welches Teil des durch das BMBF geförderten Projekts e performance ist, wurde auf Deformation bei Zusammenstößen und damit auf Absorption der Energie ausgelegt. Alle Zellen sind einzeln abgesichert und lassen sich aufgrund ihrer geringen Größe in hohem Maße parallel schalten, wodurch eine gleichmäßige Ladungsverteilung erreicht wird.

In der Kategorie Energie, Infrastruktur, Anschlusstechnik wurde der Award an die Firma BRUSA Elektronik AG für Ihr induktives Ladesystem ICS von Dr. Karl-Horst Klotz vom Magazin Energie 2.0 – Zukunft Energie überreicht. Das BRUSA ICS zeichnet sich durch eine sehr kompakte Bauweise aus. Da in der Primäreinheit (Bodenplatte) der Anschluss an das Stromnetz bereits integriert ist, kann auf eine separate Wallbox verzichtet werden. Den Effizienzgrad gibt BRUSA bei einem Abstand von 150mm zur im Fahrzeug verbauten Sekundäreinheit mit über 90% bei einer Übertragungsleistung von 3,3kW an.

Prof. Dr. Markus Lienkamp von der Fakultät Maschinenbau an der TU München ehrte die Firma Rinspeed für ihr Designkonzept „microMAX“ mit dem Preis für Produktkonzept / Vision. Das 3,7m lange und 2,2m hohe Fahrzeug bietet neben dem Fahrer und drei Mitfahrern auch Raum zum Transport von Kleinfahrzeugen wie Kinderwagen oder Fahrräder, alternativ kann dieser Platz von stehenden Mitfahrern belegt werden. In das Fahrzeug, das mit einem Gabelstapler-Antrieb der Firma Linde Material Handling rein elektrisch fährt, ist ein Cloud-basiertes Community-Konzept des Multimedia- und Infotainment-System-Spezialisten Harman integriert.

E-Force One

(links Martin Breu von Brusa Elektronik AG, rechts Hans-Jörg Cueni, Inhaber der E-FORCE ONE AG)

Den Preis in der Kategorie Elektrofahrzeug: Nutzfahrzeug nahmen Vertreter der Firmen E-FORCE ONE AG und ihrem Partner BRUSA Elektronik AG gemeinschaftlich von Markus Schöttle des Magazins ATZ Elektronik entgegen. Bei dem 8 Tonnen schweren, auf einem IVECO Chassis basierenden Elektro-LKW handelt es sich um eine Schweizer Meisterleistung junger Design-Ingenieure. Satte 18 Tonnen werden im Eingang-Modus mit 300 kW über zwei wassergekühlte Hybrid-Synchron-Motoren rein elektrisch bewegt und dabei auf eine Maximalgeschwindigkeit von 87km/h begrenzt. Die Energie wird von einem voll redundanten, 2600kg schweren Lithium-Eisen-Phosphat-Batteriesystem mit insgesamt 240 kWh bei 400V zur Verfügung gestellt, das über die zwei verbauten Ladegeräte mit zusammen 44kW und DC-Wandler bereits nach sechs Stunden komplett geladen ist. Je nach Zuladung, Topologie und Geschwindigkeit beträgt die Reichweite zwischen 200-350km. Trotz des höheren Anschaffungspreises ist der E-Force auch dank der geringeren Lärmemissionen optimal für den innerstädtischen und regionalen Liefer- und Stückgutverkehr geeignet. Gerade im Stop-and-Go-Verkehr ist der Vergleichseffekt zu herkömmlichen LKW mit Verbrennungsmotor durch die Energierückgewinnung beim Bremsen (bis zu 50%) und den hohen Wirkungsgrad der Elektromotoren am größten. In der Schweiz wird durch die Befreiung von der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) eine Amortisation bereits nach 40.000km/p.a. erreicht. Zweiflern sei der Fernsehbeitrag auf der Webseite der E-Force AG empfohlen (http://eforce.ch/), denn selbst ab Minute 2.30 dürften die letzten Einwände hinsichtlich der Praxistauglichkeit verstummen. Der E-FORCE konnte nicht live auf der eCarTec vorgestellt werden, da ein Fahrzeug bereits im Einsatz und das zweite im Bau befindlich ist.

Martin Altepost von der TÜV Süd Automotive GmbH nahm die Ehrung in der Kategorie Elektrofahrzeug: Elektroauto vor. Er überreichte den Award an die Volkswagen AG für das Fahrzeug e-up! mit der Begründung, dass ein alltagstaugliches Fahrzeug im Stadtverkehr keine Reichweite von 500km benötige, preislich unter €100.000 liegen und überall aufladbar sein sollte.

Diese Worte wurden von mehreren der anwesenden Zuschauer nicht nur ob des Seitenhiebs auf den Klassenprimus Tesla mit einem missbilligenden Raunen quittiert. Denn vielen war bekannt, dass Werner Hillebrand-Hansen mit seinem Renault Zoe echte Alltagstauglichkeit auf höchst eindrucksvolle Art bewiesen hatte. Er war am Tag zuvor in Flensburg gestartet und hatte auf seiner Fahrt nach Füssen in 24 Stunden 1.054km rein elektrisch zurückgelegt. Bei überschaubaren Stromkosten von €37,50 hatte der Veranstalter der jährlichen eRuda während der Ladepausen sicherlich noch Budget für den einen oder anderen Kaffee.

Zuletzt wurde das nachhaltige Mobilitätskonzept IPT Charge der Conductix-Wampfler AG ausgezeichnet. Den Preis überreichte Roland Reichl vom Bundesverband Solare Mobilität e.V. stellvertretend für Thomic Ruschmeyer. Avisierter Haupteinsatzzweck dieses induktiven Energietransfersystems an Haltestellen ist das öffentliche Busnetz.

Dieser Artikel wurde auch bei ke-next (verlag moderne industrie – Mediengruppe des Süddeutschen Verlag) veröffentlicht.

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AutorBritta Muzyk