Fallstudie
Gelesen im Harvard Business Manager:

Erbsenzählerin oder Strategin – Die Ingenieure des Verpackungsspezialisten HGS haben ein neues, vielversprechendes Material entwickelt. Der CEO plant damit den Einstieg in die Bekleidungsbranche. Doch die Finanzchefin hat Bedenken.Soll Shirley Rickert objektive Informationen liefern oder eine Empfehlung für das weitere Vorgehen aussprechen?…“

Hier gehts zur Fallstudie beim HBM von Trish Gorman Clifford und Jay Barney

Unsere Antwort:

Als Chief Financial Officer gehört Shirley Rickert dem Vorstand und somit der obersten Führungsriege des Unternehmens an. Bisher scheint ihre vorrangige Aufgabe darin zu bestehen, die finanzielle Situation der Firma oder einzelner Unternehmensbereiche in detaillierten Zahlen darzulegen und anderen als Entscheidungsgrundlage zu liefern. Dies kann auf ihre eigene Auffassung der Position oder auf die Vorgabe und das Verhalten ihres CEOs zurückzuführen sein. Als Mitglied des Vorstandes ist ihr Aufgabenbereich jedoch weiter zu fassen*. Der CFO ist ein vollwertiges Mitglied der Geschäftsleitung, der gemeinschaftlich mit seinen Kollegen die Firma führt. Bei Entscheidungen muss ein mehrheitlicher Konsens im Vorstand herrschen. Eine Firmenleitung geht teilweise auch ganz bewußt geschäftliche Risiken ein oder muss sie sogar eingehen, selbst wenn sich im nachhinein die Beurteilungen oder Einschätzungen als fehlerhaft herausstellen. Dieser Spielraum des Vorstandes gilt allerdings nur, solange keine schuldhafte Pflichtverletzung gegeben ist. Dies wäre der Fall, wenn bei der Entscheidung anerkanntes oder erwiesenes Wissen grob fahrlässig oder sogar vorsätzlich außer Acht gelassen und gegen bestehende Grundsätze verstoßen wird. Shirley Rickerts Aufgabe besteht also nicht im reinen Sammeln und Darstellen von objektiven Zahlen und Informationen. Das ist Aufgabe ihrer Mitarbeiter. In ihrer Position ist eine eigene Meinung, die über eine bloße Entscheidungsempfehlung hinausgeht, gefordert, welche sie gegenüber Ihren Vorstandskollegen und dem CEO argumentativ vertreten muss. Untermauert wird ihre Meinung sicherlich von Zahlen. Besonders bei neuen Produkten und im Business Development lassen sich aber nicht alle Konsequenzen belegbar vorhersagen. Zu einem gewissen Anteil spielen persönliche Erfahrungen mit ähnlichen Projekten oder die subjektive Wahrnehmung des Marktes eine Rolle, also auch das Bauchgefühl. Entscheidungen auf Vorstandsebene sind aufgrund ihrer weitreichenden Natur oft für eine betroffene Partei, in diesem Falle einer der beiden Geschäftsbereiche von Scott Becket oder Walter Albright, unpopulär. Im besten Fall kann diese Partei von der Entscheidung überzeugt werden, in jedem Falle sollte aber mindestens ein „disagree and commit“ erreicht werden, um interne Grabenkämpfe zu vermeiden. Da der CFO hierarchisch über den VPs steht, hat er seine Entscheidung gegenüber beiden zu vertreten und muss damit rechnen, dass einer von beiden verstimmt reagiert. Rein hypothetisch sollte dies nicht passieren, da alle zum Wohle der Firma arbeiten. Aber in jeder Firma arbeiten schließlich Menschen und keine programmierbaren Roboter.

Fazit:

Shirley Rickert scheint soweit einen guten Job zu machen. Sie spricht mit beiden Geschäftsbereichen, hört sich deren Argumente an und beurteilt sie zusammen mit den vorliegenden Daten und geschätzten Forecasts auf Machbarkeit. Was meines Erachtens jedoch fehlt, ist „die letzte Meile“ bei der sie die so gebildete Meinung gegenüber dem CEO vertritt. Diese Arbeitsweise und das Fehlen einer klaren Position zu einem Thema könnte der Grund dafür sein, dass nicht sie, sondern einer der beiden VPs als Nachfolger für den CEO gehandelt wird.

*Anhand der Beschreibungen gehe ich davon aus, dass es sich bei HGS um eine AG als Unternehmensform handelt.

Autor
AutorBritta Muzyk