Fachartikel

19.02.2016

Die Wetten um die Mobilität der Zukunft sind in vollem Gange. Neben den alteingesessenen Eminenzen positionieren sich neue Spieler am Start, ausgestattet mit Know-how, strategischen Partnerschaften oder Budget, oder allem zusammen. Zu Beginn des neuen Jahres schaut die Branche nach Las Vegas in Amerika zur CES – die manche schon nicht mehr Consumer sondern Car Electronics Show nennen – und in die Autostadt Detroit.

Aus dem FF

Seit der IAA vergangenen Jahres hat das 18 Monate alte kalifornische Unternehmen Faraday Future bei seiner Medienpräsenz Gas gegeben. Anfangs wurde gemunkelt, dass sich hinter der Hochglanzfassade die Entwicklung des gehypten Apple iCars verbergen könnte oder sich ein Tesla-Fighter in Stellung bringt. Ende des Jahres wurde bekannt, dass der chinesische Milliardär und LeTV Fernsehmogul Jia Yueting die bereits 750 Mitarbeiter starke Firma mit den notwendigen Millionen versorgt.

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Faraday Future

Das Management kennt sich aus im Luxussegment. Allen voran Produktarchitekt Nick Sampson, der nach Stationen bei Jaguar (XJ6, XK8), Lotus und Tesla (Model S & X) FF federführend mit ins Leben gerufen hat, und Chefdesigner Richard Kim, der nach Erfahrungen mit Luxusyachten an BMWs i3 und i8 mitarbeitete und zuletzt VWs Design der Marken Audi, Bentley und Porsche in USA unter sich hatte. Am Vorabend der CES gaben sie einen Ausblick, wohin die Investitionen fließen sollen: Zum einen in die Entwicklung einer modularen, mehrere Klassen umspannenden variablen Plattformarchitektur (VPA), gezeigt anhand der 1000 PS starken Boliden-Studie FFZero1. Diese dient als Testaufbau für unterschiedliche Konzepte. Die Anzahl der Battery-Strings genannten modularen Batteriebausteine bestimmen dabei maßgeblich die jeweilige Länge des Fahrzeugs mit. Front- und Heckpartie sollen über alle Klassen gleich bleiben. Der Antrieb wird je nach Fahrzeugcharakteristik mit ein bis zwei Elektromotoren pro Achse oder je einem an den vier Radnaben angebracht. Zum anderen soll etwa eine Milliarde in den Bau eines Fertigungswerkes fließen, das wie Teslas Batteriefabrik im steuerbegünstigten Staat Nevada entsteht und rund 4.500 neue Jobs schaffen soll. Als Chefstratege für die Produktion zeichnet Dag Reckhorn, der von Karman über Tesla und Webasto zu FF stieß, verantwortlich. Personal- und Einkaufschef sind ebenfalls ehemalige Tesla-Manager, die sicher wertvolle Erfahrungen im Gepäck.

Faraday Future - LeTv - CES2016

Faraday Future

Die Partnerschaft mit LeTV bringt FF in eine ähnliche Position wie Apple, die sich erst kürzlich die Internet-Domains Apple.car, Apple.cars und Apple.auto gesichert hatten. Das geplante Elektroauto erweitert die Kette von Geräten, auf denen cloudbasierter Content ausgegeben werden kann. Als Hauptmärkte wurden von FF USA und China identifiziert. Letzteres liegt nahe, da über die Integration von LeTV Angeboten ins Fahrzeug sofort eine Basis an potentiellen Kunden, die sich hochwertige amerikanische Produkte leisten wollen, vorhanden wäre. Indien steht auf der Expansionsliste des Fernsehmoguls. Damit würden die größten Automobilmärkte der Welt abgedeckt werden. Schließlich hat Inhaber Xia den US Staatsbehörden gegenüber ausgesagt, die Automobilindustrie mit intelligenten Systemen, die die Erde schützen und die Lebensumstände der Menschheit verbessern, revolutionieren zu wollen.

Die leichte Variante autonomer Fahrzeuge

Autonomes e-Bike

CoModule

Weniger spektakulär, jedoch nicht weniger bemerkenswert ist eine Produktentwicklung, die aus Estland kommt und in Berlin vorangetrieben wird. Das im Rahmen des Climate-KIC Programms geförderte und vom HighTech Gründerfonds finanzierte Startup CoModule konzentriert sich auf die Entwicklung und Umsetzung von Technologien zur Vernetzung von Fahrzeugen, insbesondere leichten Elektrofahrzeugen, denen es in den Städten der Zukunft eine bedeutende Rolle zuspricht. Als Beispiel dafür wurde zur IAA der Prototyp eines autonom fahrenden E-Bikes, das im gewerblichen Bereich als Lasten- und Lieferfahrzeug zum Einsatz kommen kann, vorgestellt.

Das dreirädrige E-Bike der Firma Veleon wurde mit selbst entwickelter Elektronik ausgestattet, die das Fahrzeug über verschiedene Interfaces (CAN-Bus, I2C, SPI, UART, RS485) ansprechen kann. Gesteuert wird via Bluetooth 4.1 LE über eine Android Smartphone-App mit Anbindung an die Google Cloud, in der die Fahrparameter gespeichert werden.

Autonomes Fahren - Kommunikationsmodul

CoModule

Flottenbetreiber sehen durch die anonymisierten Daten nicht nur aktuelle Routen und Zeiten, sondern auch den aktuellen Batteriestatus und potenziell verbleibende Reichweite. Hersteller können über die Auswertung der Daten ihre Produkte weiterentwickeln und den Anforderungen der Kunden anpassen.

Interessant ist das Konzept auch für Dienstleister, die auf abgestecktem Terrain tätig sind wie etwa Paketauslieferer, Reinigungsdienste oder Stadtverwaltung. Im nächsten Schritt wird sich CoModule in einem Konsortium an der Entwicklung von Standards zur Kommunikation mit Fahrzeugen und bestehender Infrastruktur beteiligen. Eine der größten Herausforderungen wird jedoch darin gesehen, Fahrzeughersteller zu unterstützen, um ihre langfristigen Entwicklungszyklen mit den kurzfristig umsetzbaren Chancen im Bereich des Internet der Dinge zu einem erstrebenswerten Return on Innovation zu verzahnen.

Der elektrische Kumpel

CES 2016 in Las Vegas ? Volkswagen Studie BUDD-e

Volkswagen

Volkswagen hat in Las Vegas eine neue Konzeptstudie vorgestellt, die sich in ihrer Größe zwischen Touran und Multivan T6 einreiht. Der BUDD-e. Der elektrische Freund soll für Sympathie sorgen. Technisch gesehen wäre das möglich. Der kompakt und schnörkellos designte Mini-VAN vereint verschiedene Komponenten einer sogenannten Technologiematrix und basiert als erstes Fahrzeug auf dem modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB). Spendiert wurde ein Allrad-Elektroantrieb mit je einem Motor pro Achse, der vorne 100 kW und hinter 125 kW leistet. Mit der aktuell geplanten Batteriekapazität von 92,4 kWh soll so eine Reichweite von über 500 Kilometern ermöglicht werden. Neue Gleichstrom-Ladetechnologien mit rund 150kW Leistung sollen per Kabel oder induktiv für kurze Ladezeiten sorgen, so dass nach 30 Minuten wieder 80 Prozent der Kapazität zur Verfügung stehen. Die maximale Geschwindigkeit wird mit 180 Stundenkilometern, die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/ in 6,9 Sekunden angegeben.

CES 2016 in Las Vegas ? Volkswagen Studie BUDD-e

Volkswagen

Dank der neuen Antriebsarchitektur entstand viel Platz, den die Designer anderweitig nutzen konnten. Daher ist der Innenraum darauf ausgelegt, den Fahrer über alles zu informieren, was ihn betrifft. Nach dem Öffnen der Türen per Gestensteuerung, die von in der Karosserie integrierten Infrarotsensoren erkannt wird, steigt der Besitzer in den neu entstandenen Fahrerarbeitsplatz ein. Dieser wird per natürlicher Sprache, Berührung oder Gestik – im Innenraum von Kameras erkannt – gesteuert und von einer lang gezogenen und frei schwebenden digitalen Anzeigetafel dominiert. Darin sind zwei einzelne Displays verbaut, die optisch und funktionell miteinander verbunden sind. So können entweder separate, frei programmierbare Anzeigen für aktive Fahrinformation und Entertainment oder eine kombinierte 3D Navigation realisiert werden.

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Volkswagen

Als Teil des Internets kann das Fahrzeug sich mit dem Zuhause des Fahrers verbinden. Mit dem koreanischen Elektronikspezialisten LG zeigt Volkswagen dem Fahrer auf dem Display, was er noch im Kühlschrank hat. Aber auch andere Smart Home Lösungen sind von Interesse, etwa einen Freund vor der Haustür per Kamera zu erkennen. ihm die Tür zu öffnen und entsprechend Heizung und Licht zu steuern. Im Multifunktionslenkrad wurde die 2015 auf der CES vorgestellte Sensorik per Touchslide in einer höheren Präzisionsstufe integriert. Der Kompagnon kann während der Fahrt seinen Beifahrersitz um 180 Grad drehen, um sich mit den hinten sitzenden Kumpels zu unterhalten. Während Fahrpausen lässt sich die Sitzbank drehen und der 34 Zoll große in die Seitenwand integrierte Monitor nutzen.

Das abgestellte Fahrzeug kann auch als Postfach dienen. Per Nahfeldkommunikation wird berechtigten Lieferdiensten der Zugang zu einer speziellen Ablagebox gewährt. Das Auto wird also zum Kumpel für alle Fälle. Nach den skandalträchtigen Monaten und verbalen Entgleisungen, denen zufolge der Verbraucher nicht belogen, sondern Gesetze nur falsch interpretiert wurden, hat VW diesen selbst bitter nötig. Nicht nur einen Trendsetter, sondern einen echten Freund, der den Wolfsburgern sagt, wie sie ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig zurückgewinnen können. Dieser Freund ist die kalifornische Umweltbehörde EPA momentan nicht.

What’s NEXT

General Motors Chairman and CEO Mary Barra

General Motors

Kurz nach Las Vegas wird auch in Detroit auf der amerikanischen Hausmesse der Automobilhersteller hoch gepokert. Der Einsatz misst sich in PS und Protz, vereinzelt ist ein Alibi-Hybrid zu sehen. Henry Fisker setzt auf bombastisches Design und verspottet seine elektrische Vergangenheit mit einem 8,4 Liter Hubraum schweren Egotrip. GMs Chevrolet Bolt, der noch dieses Jahr auf dem Markt kommen soll, lässt Hoffnung für sauberes Fahren aufkommen. Dank einem Steuererlass der US Regierung von 7.500 Dollar wird das Fahrzeug den Verbraucher 30.000 Dollar kosten. Das ist bei dem Zusammenspiel von einer 60kWh Batterie mit einem 150 kW starken Elektromotor, das eine Reichweite von über 300 Kilometer mit Höchstgeschwindigkeit von 146 Stundenkilometern beschert, beachtlich.

Da hält aktuell nicht einmal die neue Variante des weltweiten Bestsellers Nissan Leaf mit. Wertmutstropfen ist noch die Ladezeit des Bolt von etwa neun Stunden. Den gilt es zu beseitigen. Dann kann GM nach dem Kauf des Car-Sharing Dienstes Lyft mit dem Bolt maximale Synergien für saubere Luft in den Städten realisieren, bevor die nächste Ausbaustufe zu selbstfahrenden Taxis folgt. In der Zwischenzeit arbeitet Tesla mit Hochdruck an der Implementierung autonomer Fahrfunktionalität. Die einschlägigen OEM wagen sich vorsichtig an eine schrittweise Erweiterung, während Googles selbstfahrende Autos auf den Straßen in Kalifornien auf und ab kurven.

Doch wo ist die nächste Stufe der Revolution? Keine Iteration von heutigen Systemen, sondern Visionen, die unsere Fortbewegungsart von morgen neu definieren? Sie sind nicht in Las Vegas oder Detroit zu finden, sondern in einem UNESCO Weltkulturerbe in Europa: Venedig.

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NEXT Future Transportation

Next Future Transportation extrahiert einzelne Komponenten der heutigen Mobilität und setzt sie in elektrisch und autonom fahrenden, modular kombinierbaren Einheiten neu zusammen. Daraus entsteht eine Flexibilität, die völlig neue Möglichkeiten bietet und doch bestehende Infrastruktur nutzen kann. Die NEXT genannten Module entsprechen in der Grundfläche in etwa einem Smart und sollen Raum für sechs Personen geben. Einheiten unterschiedlichster Funktion wie Logistik, Transport, Unterhaltung, Entspannung oder Büro und Geschäft können on Demand ähnlich einem Zug zusammengesetzt und zu größeren Räumen verbunden werden. Mit dem Unterschied, dass jede Einheit ihre eigene Zugmaschine ist, die sich intelligent und unabhängig davon wieder lösen kann.

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NEXT Future Transportation

Individuelle Mobilität, flexibler öffentlicher Verkehr und flottenoptimiertes Transportwesen zugleich, erweiterbar um Dienstleistungen im Business- und Endkundenbereich. Nicht verwunderlich, dass aktuell Gespräche mit finanzstarken Spielern aus unterschiedlichen Industriezweigen geführt werden. Erste Karten sind verteilt und der Big Blind gesetzt. Das Pokerspiel um den ersten vorzeigbaren Prototypen, der bereits im nächsten Jahr getestet werden könnte, hat begonnen.

Dieser Artikel wurde auch im Magazin ke-next (verlag moderne industrie – Mediengruppe des Süddeutschen Verlag) veröffentlicht.

Autor
AutorBritta Muzyk