Fachartikel

01. Juni 2014

Was zeichnet einen Pionier aus? Wie wird man zu einem Pionier? Aufgrund von Vorbildern oder Umständen, die einen zu besonderen Maßnahmen bewegen?

Puli2EGeht man nach der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Pionier, womit ein Fußsoldat gemeint war, dürfte Gero Kleinertz nicht als solcher bezeichnet werden. Schaut man sich hingegen seinen Werdegang an, sieht die Sache anders aus. Lange vor der Pubertät, in der bei Jungen oft der Wettkampf um das auf schnellste Geschwindigkeit frisierte Mofa entbrennt, bastelte sich Gero Kleinertz sein erstes elektrisches Fahrzeug: Es bestand aus einem Kettcar, an dem ein Elektromotor vom Flohmarkt fachmännisch mit Klebeband montiert und an den wiederum eine Batterie angeschlossen wurde. Der Wunsch nach einem echten Elektroauto keimte auf und wurde mit den Jahren immer stärker. Das Kettcar wurde von einem Fahrrad abgelöst, das mit dem Antriebsmotor einer LKW-Seilwinde ausgestattet immerhin eine Reichweite von 20km und eine Geschwindigkeit von 30km/h aufwies. Doch wie sollte man in Zeiten, in denen das World Wide Web im CERN noch in den Kinderschuhen steckte, ein richtiges Elektroauto finden? Kaum jemand im Umfeld wusste etwas, selbst in Autozeitungen oder Oldtimer-Magazinen gab es nur eine magere Rubrik „anderer Fahrzeuge“. Mitte der Neunziger wurde im Eigenversuch kurzerhand ein motorloser Trabant P601 mit einem 5 PS starken Gabelstaplermotor und einer LKW-Starterbatterie umgebaut. Das Auto hatte eine theoretische Reichweite von 45km – theoretisch, da Kleinertz noch keinen Führerschein hatte und das Auto eher als Bastelobjekt benutzte. Ein Jahr später folgte ein ungarischer Puli 2E von einem Kölner Händler.

 

Fiat126Noch immer ohne Führerschein kaufte der damals 16-jährige von seinem Ausbildungsgehalt das Fahrzeug und ging einen Handel mit seiner Familie ein: diese durften den 65km/h schnellen Zweisitzer mit einer Reichweite von etwa 50km nutzen, wenn sie im Gegenzug Chauffeurdienste für ihn erbrachten. Der Frontantrieb mit einem 7kW starken Elektromotor wurde hierbei von einem Bleiakku mit 160Ah versorgt. Kurz vor der Jahrtausendwende und lange vor Facebook oder Google+ formten sich bereits erste Communities im Internet. Kleinertz traf viele Gleichgesinnte im sogenannten „EL Web“ (http://www.elweb.info/ ) , wo er sich schnell als gefragter Ratgeber etablieren konnte und Unterstützung bei der Suche nach Ersatzteilen bekam. In 2004 fand er einen Fiat 126, Teil eines Umbauprojekts der Firma Strohm KG, die eine Kleinserie von acht Stück aufgelegt hatte.
Die elektrische Version des „Ostblock-Golf“, wie die Zeitung Welt den Fiat 126 nannte, war 100km/h schnell und hatte eine Reichweite von 100km. Der Heckantrieb wurde von einer 10kWh starken Batterie gespeist, die dank des im Fahrzeug verbauten 3kW-Laders in drei Stunden an der Haushaltssteckdose wieder voll war. Im gleichen Jahr wuchs der elektrische Fuhrpark um einen Kewet, genau genommen den 11. Kewet der insgesamt 800 Stück, die von 1991 bis 1998 gebaut worden waren. Das dreitürige, kantige Fahrzeug des gleichnamigen dänischen Herstellers fuhr bis zu 80km/h schnell. Der verbaute Elektromotor forderte eine Leistung von gut 10 kWh auf 100km und so kam man mit der 192Ah Batterie maximal 60km weit. Der Puli E konnte mit seinen vergleichsweise hungrigen 15kWh nicht mehr mithalten und wurde kurz darauf verkauft. Ein Jahr später kam mit einem Citroen Berlingo, von dem 3.000 Stück in Serie gebaut wurden, das erste „wirkliche“ Elektroauto hinzu. Als Stromquelle waren nicht mehr Bleibatterien sondern Nickel-Cadmium-Akkumulatoren verbaut, die den 20kW starken Elektromotor auf einer Strecke von 100km antrieben. Ab diesem Auto wurde der ausgefallene Spleen von Kleinertz, wie seine Umwelt es freundlicherweise bezeichnete, ernst genommen. Es dauerte jedoch nicht lange, dann reichte auch der Berlingo nicht mehr und wurde gegen einen Golf City Stromer eingetauscht. Kleinertz gönnte dem Auto leistungsstärkere Ni-Cad Batterien, um auf eine Reichweite von 160km zu kommen und spendierte obendrauf einen selbst zusammengebauten internen Schnelllader mit 20kW, der das Fahrzeug am Drehstromanschluss in knapp 1,5 Stunden wieder voll fahrbereit machte. Damit war er nun bestens gerüstet, um im Jahr 2006 seinen ersten Abenteuerurlaub anzutreten: Corbin SparrowEine rein elektrische Fahrt vom Ruhrpott bis in den Süden Italiens. Als nächste Fahrzeuge folgten ein City-EL, der noch immer zum Fuhrpark gehört und ein serienmäßig elektrischer Chevrolet S10. Inzwischen war es Dank des Internets leichter geworden, Modelle wie den gebrauchten amerikanischen Pickups, der bei eBay angeboten wurde, zu finden. Seit 2010 besitzt Kleinertz auch ein weinrotes Exemplar des eigenwillig designten Corbin Sparrow, der bereits in Filmen wie „The One“ mit Jet Li oder Austen Powers „Goldständer“ zu sehen war. In diesem Fahrzeug verbaute er zum ersten Mal leistungsfähige Lithium-Eisenphosphat-Batterien (13kWh) und kam so auf gute 200km Reichweite bei einer Höchstgeschwindigkeit von 130kmh. Das Ein-Personen-Auto bietet keinen Luxus, dafür aber jede Menge Fahrspaß und auch die Batterie nimmt eine Tiefenentladung nicht gleich krumm.  Vermittelt hat ihm dieses Fahrzeug sein norwegischer Elektroauto-Freund Robort Christensen, den er 2009 auf der Viking Rallye von Oslo nach Stavanger kennenlernte.

Gero_GrossglocknerIn 2011 wurde die Elektroautosammlung erneut erweitert, diesmal um einen orangefarbenen Think, der seit dem im täglichen Gebrauch ist. Auch hier hat Kleinertz Li-FePo Batterien mit einer Leistung von 20kWh nachgerüstet, die ihn 200km weit bringen, bevor er über seinen 18kW starken Schnelllader in knapp einer Stunde wieder mobil ist. Mit diesem Fahrzeug hat Kleinertz, den man ohne Scheu als Enthusiast bezeichnen kann, letztes Jahr zusammen mit Dr. Hans-Joachim Röhl als „Team Solon“ an der europäischen Elektroauto-Ralley „WAVE Trophy“ (wir berichteten, Ausgabe keNEXT 10/2012) teilgenommen. Dass sich der Self-Made-Elektro-Mann mit Elektroautos auskennt, zeigt auch seine unglaubliche Aktion, die er mit seinem Teamkollegen auf dem Weg den Großglockner hoch unternahm. Zwei andere Teilnehmer der Expedition – das Team „Sämi“ mit einem freundlich dreinblickenden Model der schweizerischen S.A.M Group gerieten nach ein paar Kilometern durch eine Fehlfunktion in Schwierigkeiten. Die starke Belastung den Pass hinauf erwärmte den Elektromotor anscheinend so stark, dass dies die Ablösung des mit Kleber befestigten Hallsensors, der die Stellung der Magnete zur Wicklung im Elektromotor hin detektiert, zur Folge hatte. Dadurch lieferte der Sensor ein falsches Signal, ob und auf welcher Phase Strom fließen soll. Zusätzlich regelte die Motorsteuerung den erhitzen Motor auf eine Leistung von 0% ab. Schnell kalkulierte das Team Solon die Risiken und traf die beherzte Entscheidung, die Schweizer Kollegen mit dem Think bis zum Hochtor abzuschleppen. Die Bergab-Fahrt war trotz der Fehlfunktion möglich.

BMS3Der gelernte Elektrotechniker hat sich nach seiner Ausbildung selbständig gemacht und wird seit über xx Jahren als erfahrener Ansprechpartner für Service und Reparatur von Elektroautos geschätzt. Zusätzlich hat er eine Spannungsüberwachung für Batterien entwickelt, die er produziert und vertreibt. Der Bau und die Programmierung von Leistungs- und Steuerelektronik gehören ebenfalls zu seinen Kernkompetenzen.

Seit Ende 2013 hat er ein weiteres Projekt in Angriff genommen: Den Umbau eines konventionellen Audi A8 zum Elektroauto. Auf die Frage, warum er sich für dieses Fahrzeug entschieden habe, antwortete Kleinertz: „Die Zielsetzung ist, ein großes Auto mit hohem Komfort aber niedrigem Energieverbrauch zu bauen.“ Zwei Komponenten, die für den Erfolg dieses Vorhaben sprechen, sind die leichte Aluminium-Karosserie und der aus dem Ultraleicht-Flugzeugbau stammende Elektromotor.

Audi A8 Elektroauto-Umbau

Mit einer Maximalleistung von 100kW und einem Wirkungsgrad von etwa 94% kann dieser 13kg leichte permanent-erregte Synchronmotor nur als hocheffizient bezeichnet werden. Dies wird besonders im Vergleich zu seinem serienmäßigen Vorgänger deutlich, einem V6 Dieselmotor, der bei einer Leistung von 110kW und einem durchschnittlichen Wirkungsgrad von höchstens 30% satte 300kg auf die Waage brachte. Die avisierte Reichweite von 350-400km kommt über ein 60 kWh starkes Aggregat, das aus 288 Hochleistungszellen auf Lithium-Polymerbasis besteht, zustande. Das Automatikgetriebe wird im Fahrzeug verbleiben, da der Elektromotor so stets im optimalen Wirkungsgrad laufen kann, wodurch die 30kg Zusatzgewicht verschmerzt werden können. Die Validierungsfahrt des elektrisierten Audi wird das erprobte Team Solon Ende Mai auf der diesjährigen WAVE Trophy, die von Stuttgart über München in die französische Schweiz führt, absolvieren.

Dieser Artikel wurde auch im Magazin ke-next (verlag moderne industrie – Mediengruppe des Süddeutschen Verlag) veröffentlicht.

Autor
AutorBritta Muzyk